Die letzten Meilen mit neuer und alter Crew

von Max Müller am 29.06.2022 / in Allgemein

Noch einmal ein Blogbeitrag von See, der nächste kommt dann wieder vom stabilen Wifi-Festland. Denn vor uns liegen die letzten 35 Meilen der Saison.

Es ist drei Uhr nachts. An Steuerbord klar erkennbar die Lichter von Teneriffa. An Backbord taucht das Stadtleuchten von Lanzarote und Fuerteventura als Fleck in der Dunkelheit auf. Aber uns interessiert jetzt nur noch eine kanarische Insel: Gran Canaria. Ziel voraus!

Obwohl, so ganz stimmt das mit dem Interesse nicht. Denn dieses gilt gerade allen Lichtern in der Umgebung, speziell denen, die sich bewegen und dabei weder Stern noch Flugzeug sind. Zwischen den Kanaren und der – nur 150 km entfernten – Westküste Afrikas herrscht reger Schiffsverkehr, die Frachter ziehen von West nach Ost und Ost an West an uns vorbei.

Dabei helfen sogenannte Verkehrstrennungsgebiete, quasi eine zweispurige Autobahn auf dem Wasser. Die Spuren sind auf der Seekarte eingezeichnet, in der Mitte und an den Seiten mit imaginären Leitplanken begrenzt, die man möglichst nicht überfahren sollte. Auf dieser Autobahn hat die Berufsschifffahrt immer Vorfahrt vor kleinen Seglern wie uns. Bei tlw. 3 – 4facher Geschwindigkeit und 10 – 15facher Länge lassen wir ihnen die Vorfahrt natürlich gerne.

Bisher sind aber auch alle Frachter in weiter Ferne vorbeigezogen. Wer gerade am Steuer steht, hält trotzdem weiter Ausschau. Die restliche Crew schläft oder nutzt die Stunde Pause bis zur Wachablösung, um noch einmal kurz zurückzublicken auf die letzten Tage…

…die – mal wieder – verflogen sind, seitdem wir am Freitag Abend vor Funchal auf Madeira den Anker fest hatten.

Ja, wir mussten mal wieder ankern, denn auch hier wurde uns wie schon bei Ankunft auf Horta über Funk von der Marina mitgeteilt, dass diese voll und für einen Katamaran kein Platz mehr ist. Bei Tageslicht haben wir dann auch verstanden warum – die Marina ist eher ein kleiner (aber feiner) Hafen, in dem hauptsächlich lokale Fischer, Segler und Ausflugsboote liegen, mit einem Tankstellen-Pier, der als solcher erst mal nicht erkennbar war.

Was soll’s, wir sind ja Anker erprobt. Nächstes Deja-vu: unsere elektrische Ankerwinsch (das System, mit dem Kette & Anker zu Wasser gelassen und wieder hoch gezogen werden), die wir noch auf Horta haben fixen lassen, funktionierte schon wieder nicht. Durch den Seegang vorher hatte sich das neu installierte Kabel wieder gelöst. Also Anker raus wuchten, die Schwerkraft den Rest machen lassen und hoffen, dass der Anker beim ersten Versuch hält. Hat er.

Und damit hieß es dann: Manöver beendet, Maschinen aus, angekommen nach der kleinen Atlantiküberquerung!

Die Freude und Stimmung war entsprechend ausgelassen und wir uns alle einig, dass das gebührend gefeiert werden muss. Auch das haben wir ziemlich gut hingekriegt und es uns mit einer großen Tapas-Platte, Bier, Rum, Gitarre, Gesang, Tanz und Terrorlampe (Spitzname für unser Partylicht) bis nachts im Cockpit gemütlich gemacht. Ein absolut würdiger Ankunftsabend!

Der Kater am nächsten Morgen leider auch… Die Crew und Peter haben es immerhin tagsüber schon an Land geschafft. Der Redaktion ging es ganztägig „etwas“ schlechter 😉 Aber für Decke übern Kopf ziehen und Sofaabend war keine Zeit. Denn am Abend warteten schon Katja & Andreas an Land auf uns. Zwei liebe Freunde aus Deutschland und unsere Crew Ergänzung für die letzte Etappe.

Die einen kommen, die anderen gehen… So hieß es dann auch leider einige Stunden später, nach gemeinsamen Abendessen, Feuerwerk an der Uferpromenade und letztem Bier (nein, es schmeckte noch nicht wieder), bereits Abschied nehmen von Flavio.

Der Sonntag stand dann unter dem Motto Erholung und Kraft tanken für den Endspurt, nachdem wir noch mal frischen Diesel und Lebensmittel gebunkert hatten. Die Erfahrung hat ja gezeigt, dass es mal länger dauern kann…

Länger bzw. den ganzen Tag gedauert hat auch der Abschied von Natalie, die eigentlich bereits in ein Airbnb umgezogen war, aber es sich nicht hat nehmen lassen, im Dunkeln noch mal auf der Kaimauer zu stehen, um uns einen letzten Gruß zuzurufen. Danke dir und Flavio, dass ihr uns auf dem Weg nach Madeira begleitet habt, es war toll!

Toll war auch das Gefühl am nächsten Morgen, mit dem ersten Tageslicht auf die letzte Etappe aufbrechen zu können. Immer noch mit an Bord: Guido aus der alten Crew. Er wusste dann auch schon, was ihn erwartet und hat direkt Handschuhe, Hammer und WD40 (Schmieröl) parat gelegt für das Anker auf Manöver 🙂

Mit vereinten Crew-Kräften war auch das verbracht, und los ging’s auf die letzten 280 Meilen der Saison!

Mittlerweile ist es gleich fünf Uhr, nur noch 25 Meilen zu fahren, ich bin dran mit meiner letzten Wache. Daher keine Zeit mehr für mehr Worte. Rückblick und Resümee folgt irgendwann in ein paar Tagen. Nun heißt es erst einmal sicher ins Ziel kommen, Fender und Leinen parat und hoffen, dass die Marina Las Palmas ein Plätzchen für Jo und uns frei hat. Genug geankert. Die Sailor’s Bar ruft, die Kultkneipe von Las Palmas.

Over & Out for now, bis bald…

PS: DANKE euch allen fürs Mitlesen und Mitfiebern während unserer Reise! Ihr glaubt nicht, wie gut das tut!

This post was made at: 28°27.4N | 15°31.9W

2 Kommentare

  • MD says:

    In Gedanken waren wir auf eurer abenteuerlichen Atlantiküberquerung immer dabei und danken der fleißigen Bloggerin für den sehr anschaulichen und ausführlichen Reisebericht. Den Skippern, insbesondere dem Captain danken wir für das umsichtige
    vorsichtige Verhalten und die große Geduld!
    GRATULATION an ALLE TEILNEHMER der großen Seereise!!!

  • JDG says:

    Glückwunsch – ihr habt es geschafft!! Lieben Gruß an die kölschen Piraten und Atlantikbezwinger! JDG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.