Abwettern, Ausschlafen, Weiterfahren, Wachwechsel

von Max Müller am 21.06.2022 / in Allgemein

Die Zeit an Bord vergeht wie im Flug (oder vom Winde verweht), und wegen des neuen Wachsystems bleibt kaum Zeit zum Schreiben. Aber dazu gleich. Vorher schauen wir noch mal kurz zurück auf unseren sehr erholsamen Aufenthalt in Ponta Delgada auf der Azoreninsel São Miguel.

Auch wenn dieser noch stürmisch begann, im wahrsten Sinne des Wortes. Unter Landabdeckung angekommen hatten wir erst einmal gar keinen Wind mehr. Beste Bedingungen also für den Anleger in der Marinaeinfahrt. Bis zu diesem waren es allerdings noch zwei Stunden hin. Zeit genug für unseren Freund den Wind, um auf 30 Knoten (ca. 55 km/h) in der Spitze aufzufrischen. „Super“ Timing mal wieder. Ein Marinero (Hafenmitarbeiter) über Funk nicht erreichbar. Wenigstens ein kleiner Vorteil, so blieb zumindest freie Platzwahl, dachten wir.

Von wegen. Die Marina mit ihren knapp 600 Liegeplätzen entgegen aller Aussagen, dass immer was frei ist, rappelvoll. Wir waren wohl nicht die Einzigen, die auf den Gedanken gekommen sind, hier abzuwettern (= das schlechte/stürmische Wetter auszusitzen und abzuwarten). Am Ende des Steges noch ein freier Platz, an dem wir längsseits anlegen konnten bzw. wollten. Gar nicht so einfach, wenn der Wind mit voller Breitseite auf Jo trifft und sie immer wieder vom Steg wegdrückt. Aber nach ein paar Versuchen, diversen Vor- und Rückwärts-Schaltgängen und mit der Hilfe zweier netter Nachbarn war es dann vollbracht. Leinen fest. Sechs Stück insgesamt, in alle Richtungen vertäut, um dem Wind und wackeligen Steg zu trotzen.

Auch in diesem Moment schmeckt das Anlegerbierchen mal wieder extra gut. Die folgenden beim Abendessen an der Hafenpromenade ebenso, vor allen Dingen mit dem Wissen, dass wir hier morgen noch bleiben werden und den Abend entspannt genießen können. Das machen wir, mit Blick auf Marinaatmosphäre, zwischen den Locals und wieder beeindruckt von der unglaublichen azorischen Gastfreundschaft, die uns auch hier wieder empfängt.

So fallen wir dann irgendwann glücklich-zufrieden-gesättigt in die Kojen. Das erste Mal seit ca. 40 Tagen, ohne den Wecker zu stellen für Tag-/Nachtwachen, Handwerkertermine, o.ä. Welch Wohltat. Und die Erkenntnis – wir haben das Ausschlafen nicht verlernt (Katrins größte Sorge), 13 Stunden am Stück klappen noch 😉

Der restliche Tag wird ähnlich erholsam. Die Crew entdeckt Ponta Delgada ein bisschen, alle freuen sich über die heißen Duschen und riesen Marina-Waschräume-Wohnzimmer (kennen wir so nur aus der Port Louise Marina in Grenada), den Cappuccino in der Sonne (viel Wind muss ja nicht immer Regen bedeuten), das bunte azorische Treiben, Smalltalk mit den Einheimischen (fun fact: es gibt auf São Miguel drei Mal soviel Kühe wie Einwohner; das erklärt auch die super günstigen Steak-Preise), Telefonate mit der Familie…

Natalie findet sogar die Zeit, um einen echten und köstlichen Schweizer Hefezopf zu backen, der uns am nächsten Morgen stärken wird. Am Abend gibt’s erst noch ein gemeinsames Dinner an Bord und einen happy Skipper, der mit frischer Energie und neuer Pudelmütze auf die nächste Etappe startet 🙂

Die beginnt zunächst mal wieder stürmisch oder besser gesagt wellig. So werden wir die ersten Stunden noch gut durchgeschaukelt, aber mit zunehmenden Abstand zu São Miguel beruhigen sich Wind und Welle, langsam aber stetig. Am Abend passieren wir in weiter Ferne Santa Maria, die letzte der Azoren-Insel, und blicken innerlich kurz zurück. Es waren kurze, aber tolle Aufenthalte in diesen kleinen Insel-Paradiesen, mit schönen Begegnungen, bunten Eindrücken und wunderbarer Gastfreund- und Hilfsbereitschaft. Eines Tages werden wir wirklich wiederkommen! Até la proxima, bis zum nächsten Mal!

Nun geht der Blick wieder nach vorne zum nächsten Ziel, nach Madeira. Bis dorthin trennen uns von São Miguel aus noch ca. 530 Meilen. 530 Meilen auf See, eine kleine Atlantiküberquerung, für die Crew die erste Atlantikerfahrung, für uns (fast) das Ziel einer langen Reise.

Für die Zeit, die wir dafür benötigen, halten wir es mal wieder mit dem alten Segler Jimy Cornell (ihr erinnert euch?), rechnen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 5 Knoten/Stunde und werden somit ca. 106 Stunden, also 4,5 Tage benötigen. Vorausgesetzt der Wind spielt mit… Was er in der Nacht (natürlich) nicht macht und erst mal einschläft, aber das Spiel kennen wir ja schon und sitzen es einfach aus 🙂

Mit Erfolg (fürs Erste) – seit heute Mittag segeln wir bei traumhaften Bedingungen, Halbwind mit 16 – 20 Knoten, bei strahlendem Sonnenschein. So haben wir uns das eigentlich die letzten Wochen schon gewünscht und sind sehr, sehr dankbar, das jetzt erleben zu dürfen! Danke!

Die Stimmung an Bord ist entsprechend gut, zumindest war das unser letzter Stand 🙂 Denn aktuell liegt die restliche Crew in den Kojen und gönnt sich ein Nickerchen; Peter und ich halten Wache, so sieht es der neue Wachplan vor. Von dem erzählen wir euch dann aber doch erst morgen mehr, denn an einer Sache hat sich nichts geändert – das Abendessen findet immer noch mit allen gemeinsam statt, und das in einer Stunde. In diesem Sinne – ab in die Kombüse.

This post was made at: 36°14.56N | 23°34.27W

1 Kommentar

  • MD says:

    Nun habt ihr die wunderbaren Azoren auch schon hinter euch gebracht. Für diese schönen Inseln braucht man sicher ganz viel Zeit, um sie gut kennen zu lernen…

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