Tag 29 – Ankunft (+ die Tage danach und neuer Törn)

von Max Müller am 18.06.2022 / in Allgemein

Sechs Tage ist es her, dass unsere Füße das erste Mal nach einem knappen Monat wieder festen Boden berührt haben. Was für ein Glücksgefühl. Und was für ein harter Weg dorthin, speziell der letzte Tag auf See.

Auf Facebook und Instagram haben wir vorgestern schon eine Kurzzusammenfassung gepostet. Hier nun noch eine etwas ausführlichere Version.

RÜCKBLICK. Kaum angekommen, fast schon wieder weg…

Die letzten Tage sind verflogen, Kopf & Körper kommen nicht hinterher. Es war spannend bis zum Ende. Oder auch über das Ende hinaus.

SONNTAG/ANKUNFT.
(Mal wieder) länger als gedacht. Gegen Wind und Welle. Im Schneckentempo aufs Ziel zu. Wir kreuzen auf- und ab, fahren fünf Meilen in die eine (einzige mögliche) Richtung, nur um 0,5 Meilen Distanz auf Horta gut zu machen. „Der Wind ist ein Schuft“, heißt es nur noch. Die Stimmung ist entsprechend, das Ziel so nah und doch so fern.
Wind und Welle treiben uns nach Pico, der Nachbarinsel von Faial. Hier wollen wir in die Landabdeckung kommen, für ruhigere Bedingungen, um unter Maschinenfahrt ein bisschen Strecke gut zu machen. Doch die erhoffte Landabdeckung bleibt aus, 30 Knoten Wind auf die Nase.
Letzte Möglichkeit – wir starten zusätzlich die zweite Maschine, auf der ein lädierter Keilriemen sitzt, hoffen dass der hält und gleichzeitig der Diesel in der ersten Maschine nicht alle geht, fahren schon auf Reserve. Sollte das nicht klappen, werden wir abtreiben, weg von Horta, und auf See bleiben müssen, bis sich das Wetter beruhigt. Die Nerven zum Zerreißen gespannt.

Aber der Keilriemen reißt nicht, er hält! Der Diesel auch! Im Schneckentempo aber immerhin geht’s Richtung Marina. Letzte Hürde eine Mini-Segler-Regatta, durch die wir durch müssen. Aber die sind viel schneller, alles gut.

Funkkontakt mit der Marina, wir drücken auf die Mitleids-Tränendrüse. Nützt nichts (NOCH nicht… im Laufe der nächsten Tage werden die Marineros/Hafenmitarbeiter noch unsere besten Freunde). Kein freier Platz, komplett voll belegt, selbst die Tankstelle ist besetzt (normalerweise der Notfallplatz für Spätankömmlinge), ab 2:00 Uhr nachts könnten wir dran. Das wäre in sechs Stunden. Sechs Stunden im Hafenbecken Runden drehen?! Nach 29 Tagen auf See? No way.

Wir haben keine Wahl und müssen ankern. Mit einem Anker, der nur aktuell nur per Hand bedient werden kann. Der erste Versuch misslingt, die Kette ist eingerostet und hakt erst mal. Also Anker wieder hoch, neuer Versuch. Jetzt hält er, Manöver beendet.

Manöver beendet. D.h. die Maschinen können aus. D.h. WIR HABEN ES GESCHAFFT!!! Wir haben den Atlantik überquert, von West nach Ost, unsere Runde damit (so gut wie…) voll gemacht. Das erste Mal mit JO. Danke, Danke, Danke, dass du uns so sicher hier rüber gebracht hast, ohne dich wären wir nichts! Das erste Bier ist für dich! Und unsere Tränen der Erleichterung und Freude auch!

Das weitere Ankerbier (zu optimistisch schon seit drei Tagen in der Kühlung) für die ganze Crew. DANKE auch euch allen, das war echtes Teamwork!

Die Stimmung trotzdem noch etwas getrübt, Erschöpfung, Müdigkeit und der Wunsch nach Land überwiegen. Jetzt noch das Dinghy klar machen? Pfff. Aber Rettung naht in Form von unserem Segelfreund Peter und der portugiesischen Hilfsbereitschaft. Peter hat vom Chefkellner von Peter’s Bar mit ganz großem Herz für Segler dessen Dinghy geliehen bekommen, gleichzeitig einen Tisch reserviert und fährt eifrig durch die Wellen hin- und her (das Dinghy ist normalerweise für max. drei Leute gedacht, wir nehmen das heute nicht so genau ;-)), um uns alle an Land zu kriegen. Danke!

Eine Stunde nach Ankunft sitzen Peter, Peter & Co. bei Peter’s. Happy End. Jetzt brechen auch die Dämme, das Bier fließt in Strömen (betrunken sind wir schon nach dem ersten, nichts mehr gewöhnt nach einem Monat Abstinenz), der erste Gin do Mar (Gin Tonic mit Maracuja-Likör, davon reicht definitiv einer), Steaks, Nachtisch, mehr Bier, unser Freund Markus (das letzte Mal gesehen haben wir uns in der Karibik, nun hier), der versprochene Skipper-Tanz mit Marcial zu „Yellow Submarine“ (das tägliche/nächtliche Zeichen, dass gleich Feierabend ist)…

Kurz und gut: ein würdiger Ankunftsabend! Und ein authentischer erster Eindruck für die neue Crew, die uns ebenfalls in Empfang genommen hat und nun neun ausgelassene Atlantiküberquerer erlebt. Wir sind nicht immer so aufgedreht, versprochen 😉

Als die letzten Töne verklingen, zerstreut sich der bunte Haufen. Unsere Crew bleibt teilweise bereits an Land, um frisch bezogene Hotelbetten, heiße Duschen und die Ruhe der Ein- oder Zweisamkeit zu genießen. Ein letzter Dinghy Ride zurück an Bord für heute. Ein letztes Ankunftsbier. Dann heißt es auch für uns Feierabend und gute Nacht. Für Peter die erste seit 29 Tagen, die er nicht auf dem Salonsofa verbringt, in Segelklamotten und mit einem wachen Ohr. Einfach mal durchschlafen können, ohne Sorge um Wind, Welle, Segel, Kurs, Keilriemen … Das hast du dir mehr als verdient! DANKE für alles!

MONTAG.
Keine Zeit zum Ausschlafen. Dinghy klar. Crew packt und checkt aus. Bettwäsche weg. Marina Office & Behörden, anmelden (Platz ab morgen). Handwerker und Ersatzteile organisieren. Kabinen und Salon Turbo-putzen. Zeit für Frühstück um 16:30. 18:20 an Land, gemeinsames Essen mit alter und neuer Crew. Absacker bei Peter’s Café Sport. Neue Crew an Bord, einchecken. Dinghy hoch. Begrüßungs Rum. Schlafen.

DIENSTAG. Früh aufstehen. Marina Platz belegt. Dinghy klar. Marina Office, Platz wird gleich frei. Diesel bunkern. Zurück an Bord. Dinghy hoch. Diesel nachgefüllt. Schiff, Fender & Leinen klar. Maschinen gestartet (laufen beide). Anker auf, immer noch per Hand. Marina Anleger im Päckchen (an der Seite eines anderen Schiffes). Leinen fest. Dinghy klar. Mehr Wäsche (Klamotten eines Monats). Waschsalon am anderen Ende. Weiter putzen. Erster Gang zum Supermarkt (schöne alte bunte Straßen, traumhafte Ausblicke). Ankunfts-Logo auf der Mauer durch Kreativteam vollendet. Abends gemütlich bei Peter’s.

MITTWOCH. Erstes offizielles gemeinsames Frühstück mit der Crew. Besprechung Einkaufsliste. Großeinkauf. Lieferservice (Crew im Laster inklusive ;-)). Lebensmittel-Kette an Bord. Müll-Kette (eines Monats) an Land. Proviant verstauen. Wetter und Nachrichten ziehen. Besprechung mit Technikern, morgen Feiertag, kommen trotzdem. Erstes Telefonat mit den Familien. Dinner. Wir früh im Bett. Crew sucht noch ein verlorenes Portemonnaie.

DONNERSTAG.
07:00 Wecker. Crew Land-Ausflug & Polizeistation für neue Papiere. 09:00 Techniker. Neue Starterbatterien, Motoren laufen. Neuer Keilriemen, quietscht aber hält. Lichtmaschine lädt wieder. Deckwash (dringend nötig, Salzkruste überall). 40 kg Wäsche gefaltet. Rest Handwäsche. Küche, Geschirr und letztes Bad geputzt. Wassertanks bis Anschlag befüllt. Ersatz-Gallonen voll. Souvenirs-Shopping bei Peter’s. Dinner, Segler-Seemannsgarn-Gespräche, Sonnenuntergang überm Pico. Ein Post. Sonst keine Zeit bisher für persönliche Antworten, sorry, bald!

FREITAG.
Frühstück mit Sicherheitseinweisung, wir wollen keine Zeit mehr verschwenden. Dinghy hoch und fest verstaut. Der Techniker kommt ein letztes Mal inklusive Ersatzteilen, Keilriemen haben wir nun. JO bekommt noch mal eine gründliche Süßwasser-Dusche, das Vordeck vom Nachbarn auch, hier mussten wir doch das ein- oder andere Mal rüber laufen. Die Wassertanks sind wieder bis Anschlag voll, der letzte Frischeeinkauf verstaut.

Bleibt nur noch das Ausklarieren (= Abmelden) von Faial/Horta. Normalerweise ist das nur bei Länderwechseln nötig, da die Azoren jedoch als EU-Außengrenze gelten, ist das Prozedere für jede Azoren-Insel nötig. Machen wir gerne. Die Behörden hier sind unglaublich freundlich und hilfsbereit, genauso wie die Mitarbeiter der Marina. Der Abschied ist herzlich. Wir müssen ihnen nur versprochen, eines Tages noch einmal wiederzukommen, mit mehr Zeit, um diese wunderschöne Insel zu erkunden, von der wir so wenig gesehen haben. Auch das machen und versprechen wir sehr gerne! Allerdings kommen wir dann vielleicht einfach als Urlauber, mit dem Flieger aus Deutschland, dann sind wir schneller da 😉

Ein letzter Schritt bleibt noch, bevor wir aufbrechen. Die arg in Anspruch genommenen Dieseltanks wollen wieder befüllt werden. Um zur Tankstelle zu kommen, müssen wir uns erst einmal aus unserem Marina-Päckchen befreien. Das polnische Nachbarschiff (wir sehen uns im Dezember in der Karibik wieder!) an Backbord macht uns Platz, der deutsche Nachbar an Steuerbord löst unsere Leinen, der Anleger an der Tankstelle läuft ruhig und geschmeidig, der Diesel ist gebunkert, die Diesel-Preiserhöhung auch auf den Azoren angekommen… Doch das kann unsere Freude nicht trüben. Wir brechen auf…

NEUER TÖRN, NEUE CREW

Ok, fast neue Crew. Mit Anne, die uns noch für eine kurze Etappe begleitet, ist schon ein bekanntes vertrautes Gesicht an Bord. Dazu kommen mit Natalie, Flavio und Guido noch drei neue. Zu sechst verlassen wir mit Jo die Horta Marina, blicken noch einmal zurück auf diese wunderschöne Kulisse, die bunten Häuser an Land, das satte Grün der Berge im Hintergrund, die großen und kleinen Schiffe in der Marina und vor Anker und sagen OBRIGADO HORTA für diesen tollen, herzlichen Empfang!

Bei strahlendem Sonnenschein und spiegelglatter See blicken wir nun voraus und auf den Pico. Wie schön und friedlich er plötzlich aussieht und wie schnell wir die Meeresenge zwischen den Inseln durchquert haben. Eine Stunde statt der 12 (?) am Sonntag. Was für ein Unterschied.
Statt der Wellenberge und 30 Knoten Gegenwind fahren wir heute ganz entspannt und noch unter Maschine die ersten Meilen.
Perfekt nicht nur zum Einsteuern für die Crew, sondern auch, um die Schildkröten zu beobachten, die an der Oberfläche liegen und erst im letzten Monat vor JO abtauchen. Wer nicht abtaucht und stur seine Bahnen zieht, sind die portugiesischen Galeeren, die hier noch zahlreicher als während der letzten Wochen und stellenweise in solchen Massen im Wasser treiben dass es aussieht wie ein einzelner fetter Quallenfleck. Bäh.

Dann doch lieber wieder Delphiiiine! 🙂 Schön euch wiederzusehen, ihr kleinen hübschen springenden Freunde! Überhaupt ein schöner Törn-Auftakt, so kann es gerne weitergehen…

Geht es, mit der ersten Nacht(-Wache), mittlerweile schon unter Segelunterstützung, der Wind nimmt langsam zu. Und wir nehmen noch einen letzten Blick zurück auf den Pico, über dem die Sonne versinkt und der Bergspitze eine strahlende Krone verleiht. Über Nacht wird der Berg hinter Wolken verschwinden, unser neues Ziel voraus nun: die Insel Sāo Miguel mit der Hafenstadt Ponta Delgada. Hier werden wir für eine Nacht (oder auch zwei, da die Wettervorhersage für morgen ein Tief prognostiziert, dessen Ausläufer wir vermeiden wollen) bleiben, bevor wir uns dann auf die längere Etappe nach Madeira begeben.

Wir sind gespannt auf eine weitere Azoren-Insel und was uns dort erwartet…

P.S.: Unser ETMAL heute waren übrigens 128 Meilen, hatten wir lang nicht mehr 😉

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