Tag 28 – Land in Sicht und letzte Nacht auf See

von Max M├╝ller am 12.06.2022 / in Allgemein

Der heutige Tag war schon wieder so aufregend und abwechslungsreich, dass wir schon wieder ganz vergessen haben, was wir vom gestrigen noch erz├Ąhlen wollten ­čśë

Der Tag begann schon in der Nacht, mit einer sehr durchwachsenen. Dabei fing sie super an. Der Regen hatte aufgeh├Ârt, wir konnten sch├Ân segeln, zwar noch nicht auf dem komplett richtigen Kurs, aber zumindest in die grobe Richtung und mit gut zur├╝ckgelegter Distanz.

Und dann – kam mal wieder unsere Freundin die Flaute. „Lange“ nicht gesehen und trotzdem wiedererkannt, an den typischen Merkmalen. Kaum Wind mehr (und wenn aus der falschen Richtung), Segel f├Ąllt ein (= flattert durch die Gegend ohne Spannung), Jo d├╝mpelt vor sich hin.

Also das ├╝bliche Spiel, Segel einholen, Maschine an, um wenigstens etwas vorw├Ąrts zu kommen. Die geplante Ankunftszeit hatte sich zu dem Zeitpunkt schon von fr├╝her Abend auf „hoffentlich vor Mitternacht“ verschoben. Kurze Info an die neue Crew, die bereits auf Horta angekommen war (Danke noch einmal sehr f├╝r euer Verst├Ąndnis!), und weiter ging die Fahrt.

Wobei Fahrt ├╝bertrieben ist und so schnell klingt. Wir sprechen hier von ca. 2 Meilen/Stunde, das sind keine 4 km/h, also quasi Fu├čg├Ąngerzone auf dem Wasser ­čśë
Warum? – Weil wir pl├Âtzlich nicht nur den zur├╝ckkehrenden Wind direkt von vorne auf die Nase bekommen haben. Sondern zus├Ątzlich noch die Welle. Und damit nicht genug – auch die Str├Âmung, die hier in der Gegend ziemlich stark ist und gegen die wir anfahren mussten (immer noch m├╝ssen).

Da fragt man sich dann doch mal kurz, ob wir Neptun irgendwann unbemerkt beleidigt haben (wir w├╝ssten nicht wie, selbst einen Fisch haben wir ihm nicht entwendet? oder was uns Karma damit sagen will – vielleicht dass wir uns in Geduld ├╝ben sollen? Den Moment und die Delphine genie├čen, die uns wieder zahlreich besucht haben? Keine Energie f├╝r die Dinge verschwenden, die wir ohnehin nicht ├Ąndern k├Ânnen?

Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass wir mittlerweile eine gr├Â├čere Geduld haben als der Dalai Lama. So wurden mal wieder, dieses Mal im wahrsten Sinne des Wortes, unsere Segel angepasst (ihr erinnert euch an den Spruch: „You can’t direct the wind, but you can adjust your sails“?…).

Und pl├Âtzlich wie zur Belohnung ert├Ânt von Katrin der Ruf: „Land in Sicht!“
28 Tage auf See ohne Landsichtung (oder 27, ohne den Abfahrtstag, als St. Maarten noch nah war). Eine Nacht und einen Tag, den wir auf diesen Anblick gewartet haben. Denn wir schauen auf Pico, die Nachbarinsel Faials, auf der Horta liegt. Auf Pico gibt es einen gleichnamigen Berg Pico, 2.000 m hoch, und damit laut unserer Sch├Ątzung bereits ab einer Entfernung von ca. 80 Meilen sichtbar.

Wir sind 30 Meilen entfernt. Regen und Wolken hatten uns vorher den Blick verdorben. Aber das ist nun Wolke von gestern. Jetzt ist das grobe Ziel zum Greifen nahe. Die Stimmung in der ganzen Crew entsprechend gut. Dazu noch Popcorn, frisch gebackene Br├Âtchen aus dem letzten verbliebenen halben Kilo Mehl, ein letztes Reste-Dinner an Bord… Wir sehen uns schon bei „Peter’s Caf├ę Sport“ sitzen, und wenn es Mitternacht werden sollte, egal, der Laden hat ja nicht grundlos f├╝r Spatankommlings-Segler wie uns bis 2 Uhr nachts auf.

30 Meilen, so nah und doch so fern.

Da war ja noch die Sache mit Wind, Welle, Str├Âmung von vorne. Gegen die kommen wir einfach nicht an, so gerne wir es w├╝rden, und so gro├č der Wunsch nach Ankunft bei uns allen ist.
Was bleibt – rauf und runter kreuzen, also den Wind mal von der einen, nach einer Wende (= Richtungs├Ąnderung) dann von der anderen Seite wieder ins Segel bekommen. Das braucht Zeit. Und starke Nerven. Und Zeit. Und Geduld. Und Zeit…

Mit jedem Wendeman├Âver gewinnen wir ungef├Ąhr eine halbe Meile Restdistanz nach Horta. Fahren k├Ânnen wir das aber nur ca. jede Stunde, weil es sonst keinen Sinn macht. 30 Meilen Restdistanz, eine halbe Meile pro Stunde, das w├Ąren 60 Stunden Rest. Aber keine Sorge, so schlimm ist es nicht!

Zum einen haben wir mittlerweile nur noch 20 Meilen Rest. Die werden wir au├čerdem nicht komplett mit Kreuzen verbringen. Ein paar Meilen fehlen uns noch, dann kommen wir in die sogenannte Landabdeckung. Das ist der Bereich, in dem die Inseln, H├╝gel und Berge Schutz verleihen vor dem Wind und auch vor der Welle. Hier sollte es so ruhig werden, dass wir die Maschine anschmei├čen k├Ânnen und damit endlich, hoffentlich und endg├╝ltig f├╝r die letzten Meilen direkten Kurs auf Horta anlegen.

Am Ende werden wir insgesamt ca. 2.600 Seemeilen und 29 Tage (so Gott will) gebraucht haben. Davon d├╝rften die letzten 20 Meilen und 24 Stunden die intensivsten der gesamten Atlantik├╝berquerung gewesen sein. Ich erinner mich immer wieder an Peters Worte: man kriegt nur die Pr├╝fungen, die man auch bestehen kann…

In diesem Sinne, auf eine hoffentlich letzte Nacht auf See (bei diesem T├Ârn)!
Falls es noch eine wird, lest ihr morgen Abend wieder von uns.
Wenn ihr nichts lest, haben wir’s geschafft und sind betrunken ­čśë

PS: Mittlerweile ist es 2:30 Uhr nachts. Kein PS mehr.

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2 Kommentare

  • MD says:

    Dem ist nichts hinzuzuf├╝gen… ich glaub, ich wusste gar nicht, wie geduldig du sein kannst,wenn’s drauf ankommt ­čśë
    So, den Rest schafft ihr nun auch noch … die paar Meter!

  • Angelika says:

    Vielen vielen Dank f├╝r die wunderbaren Blogs! Wir sind live mit dabei, dr├╝cken Euch f├╝r die letzten Meilen ganz kr├Ąftig die Daumen und senden R├╝ckenwind!!

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