Tag 27 – aus gegebenem Anlass: eine kleine Liebesgeschichte

von Max Müller am 11.06.2022 / in Allgemein

Es war einmal ein Mädchen, die das Meer liebte. Sie liebte den Blick auf die endlose Weite des Horizonts, die türkisen Schattierung vor weißem Sandstrand, das kühlende Nass an einem heißen Sonnentag. Sie liebte es, in das Wasser einzutauchen, das Salz auf der Zunge und im Gesicht zu spüren, auf dem Rücken liegend zu treiben und in den Himmel zu schauen.

Aber nur, so lange noch Boden unter ihren Füßen und in greifbarer Nähe war. Denn diesen zu verlieren, den Meeresgrund nicht mehr erahnen zu können, nicht zu wissen, was unter ihr geschieht – das war dem Mädchen suspekt. So wie alles, was mit Wasser zu tun hatte. Schwimmen konnte sie zwar bereits von Kindesbeinen an. Und doch war da diese unerklärbare Abneigung gegen Wassersport-Aktivitäten. Surfen, Kiten oder gar Segeln, auf dem Wasser wohnen – undenkbar.
Ein Leben AM Meer – jederzeit. Ein Leben AUF dem Meer – niemals.

Und so blieb das Mädchen dann in ihrer Herzensstadt wohnen, verbrachte ihre Urlaube in fernen Ländern und war zu Hause doch mindestens genauso zufrieden und glücklich. Es fehlte ihr an nichts, die Familie war in der Nähe, die Freunde ebenso.
Geselligkeit wurde in der Stadt groß geschrieben und gelebt. Da gab es diese eine bestimmte kleine Kneipe, in der sich das Mädchen am wohlsten fühlte. Hier kannte man sich, guckte Fußball, trank mal gemütlich ein paar Bier, versackte gelegentlich, stand auch manchmal selber arbeitend hinter der Theke, quatschte und kannte sich einfach. So dachte sie zumindest.

Bis zu dem einen Tag, der das Leben und Schicksal des Mädchens für immer beeinflussen sollte. Wie es der Zufall wollte (und nach einem kuriosen Besuch in einer anderen Bar, den das Mädchen ihrer besten Freundin zu verdanken hatte – Danke dafür!), suchte sie an diesem Abend wieder die kleine Kneipe auf, sah und begrüßte vertraute Gesichter – und stockte mitten in der Begrüßung.

Ein Mann stand vor ihr, den sie noch nie vorher gesehen hatte. Gutaussehend, braun gebrannt und das mitten im April, braune Augen, helle Strähnen im Haar wie von der Sonne gebleicht, ein Lächeln so anziehend, dass sie sich ihm zuwenden musste. Das konnte nur einer sein. Sie hatte schon viel von ihm gehört, die letzten Wochen fiel sein Name häufiger, „er müsste bald wieder da sein“, hieß es. Und da war er. Der Mann, der als Skipper auf einer Segeljacht in der Karibik arbeitet.

Der Mann und das Mädchen kamen direkt ins Gespräch, sie hatten sich viel zu erzählen, fanden sich auf Anhieb sympathisch. Die gegenseitige Anziehung war spürbar, nicht nur für die beiden, auch für die anderen Besucher der kleinen Kneipe, die sich immer weiter weg bewegten, die zwei allein ließen. Und so standen sie da, redeten, als würden sie sich seit Jahren kennen, tauschten sich aus über das Leben, die Liebe, Wünsche, Träume, Erwartungen und Erfahrungen…

Und natürlich auch über ihre Jobs, speziell den des Mannes. Mehrere Monate in der Karibik zu verbringen, auch wenn es zum Arbeiten ist, das klang einfach wunderbar. Arbeiten unter Palmen, an wechselnden Orten, an schönen Stränden, mit unterschiedlichen Menschen, fernab des Büroalltags – zu schön um wahr zu sein. Die Sache, dieser Mann, musste einen Haken haben, dachte sich das Mädchen. Da war ja noch das Ding mit dem Segeln. Ein Leben AUF dem Wasser. Es klang gut, wie er so davon erzählte, und doch für sie schwer vorstellbar.

Nur war das an diesem Abend nicht relevant. Sie hatten sich ja gerade erst kennengelernt, wer wusste schon, ob sie sich jemals wiedersehen würden, die schönen Worte der Nacht in der Morgendämmerung vergessen, die ersten Küsse nur ein flüchtiger Moment?

Sie haben sich wiedergesehen, und das bereits am nächsten Tag. Viele Tage und Nächte sollten in diesem ersten Sommer noch dazu kommen. Der Mann und das Mädchen, sie haben sich nicht nur besser kennengelernt, sie sind zusammengewachsen, unzertrennlich geworden. Bis zu dem Moment, als der Sommer vorbei war, der Herbst vorbeigezogen, und der Mann zurück in die Karibik musste. Ein emotionaler Abschied.

Doch er war nicht für lange. Sobald das Mädchen konnte, ist sie dem Mann nachgeflogen, ohne nachzudenken, was sie auf der anderen Seite des Meeres erwartet und dass sie selber bald auf diesem Meer unterwegs sein wird, segelnd, das erste Mal. Zu groß war die Sehnsucht, das Herz lauter als der Verstand.

Vielleicht war das der Grund, vielleicht war es die Freude über das Wiedersehen, vielleicht aber auch einfach auch, weil sich das Mädchen gut auf neue Situationen einlassen kann… was auch immer es war, es hat funktioniert. Am Anfang noch etwas holprig, da war sie unsicher, der Mann plötzlich in einer ihr noch neuen Rolle, für sie die ersten Schritte auf unbekanntem, schwimmenden Terrain.

Doch schon nach wenigen Wochen wollte sie dieses Terrain gar nicht mehr verlassen. Aus der damaligen Abneigung zum Wasser ist eine beständige Liebe geworden. Aus dem unbekannten Terrain mehr als nur ein Fortbewegungsmittel.

So haben der Mann und das Mädchen irgendwann beschlossen, dass sie ihr Leben auf dem Wasser verbringen möchten, nicht ganzjährig, dazu sind ihnen Familien und Freunde zu wichtig, aber zumindest mehrere Monate. Eine zweite Heimat fernab der Heimat und der kleinen Kneipe, wo alles begann. Sie haben sich entschieden für ihr kleines neues schwimmendes Zuhause. Und nicht nur das: an demselben Tag, an dem das neue Zuhause ausgewählt wurde, hat der Mann das Mädchen nach einer weiteren Entscheidung gefragt, für deren Antwort sie keine Sekunde überlegen musste.

Die Entscheidung hat die beiden zu einem Moment geführt vor genau zwei Jahren. In diesem Moment wurde aus dem Mädchen eine Frau. Frau Schneider. Frau des Mannes mit den braunen Augen aus der kleinen Kneipe, dem Skipper aus der Karibik.
Nun segeln die beiden gemeinsam auf dem Meer und überqueren schon das zweite Mal zusammen den Atlantik.

Wer hätte das gedacht, als das Mädchen vor einigen Jahren noch mit den Füßen im Sand AM Meer stand?

Also ich jedenfalls nicht!
Schön, was das Leben so für Überraschungen bereit hält.
Alles Liebe zum 2. Hochzeitstag, Traumehemann!
Auch wenn wir uns den „etwas“ anders vorgestellt hätten 😉 Aber dann feiern wir einfach nach, doppelt und dreifach, und hoffentlich morgen!

PS: morgen gibt’s dann auch wieder mehr Schiffs-/Crew-Themen und einen kurzen Rückblick auf den Tag heute mit vielen Segelmanövern. Mit etwas Glück führen die dazu, dass wir es bis morgen Abend nach Horta schaffen.
Zum Endspurt gab’s dann heute noch das erste Mal richtig ordentlich Regen und Abendessen & heißen Tee in kompletter Monutur. Wir lassen nichts aus auf dieser Überquerung 🙂

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2 Kommentare

  • MD says:

    …. eine originelle Liebesgeschichte mit Konsequenzen …
    Wir gratulieren euch zu eurem Hochzeitstag und wünschen euch nach soooo vielen Tagen auf dem Wasser eine glückliche Ankunft in Horta! Wir haben viiiiiel an euch gedacht an eurem gemeinsamen Jubeltag. Ihr habt dem Gegenwind getrotzt und euch super tapfer geschlagen!

  • Sabine says:

    Sooo schön geschrieben 😍
    Ihr habt euch nicht gesucht, aber gefunden 💕💕💕💕💕💕💕💕💕💕💕💕💕💕

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