Flucht aus dem Paradies – eine Corona Chronologie von der Karibik bis Köln

von Sail & Chill am 02.05.2020 / in Allgemein

Wir haben uns auf die Flucht aus der Karibik begeben. Und das, obwohl uns noch vor wenigen Wochen ein Leben hier auf einem Schiff als sicherster Ort der Welt schien, um die Corona* Krise auszusitzen. China, selbst Italien…das alles war so weit weg, gedanklich und geographisch, durch mindestens einen Ozean getrennt.

Mit Heinsberg rückte das Thema schon etwas näher, Corona in Deutschland, nur 80 km von unserer Heimat Köln entfernt, von Familie und Freunden. Dazu ausgerechnet Karneval als Cluster-Veranstaltung und Brandherd, mit zehntausenden von Bützje (Kölsch für „Bussi“, gern gelebte Karnevalstradition) freudigen Rheinländern? – ach was, „et hätt noch immer joot jejange“ („es würde schon alles gut gehen“), positives Denken, ebenfalls ein Teil der Kölschen Tradition und Mentalität. So dachten wir, und sind erst einmal entspannt weiter gesegelt, fernab von Massentourismus und Menschenansammlungen, zu so vermeintlich paradiesisch und exotisch klingenden Inseln wie St. Vincent & the Grenadines, St. Lucia, Martinique, Dominica…

Und plötzlich – kam Corona in der Karibik an. Das erste Mal in Form einer Whatsapp Nachricht, während wir vor Guadeloupe im Jacques Cousteau Nationalpark zwischen Schildkröten und Fischschwärmen vor Anker lagen. Absolut surreal. 30 Grad, Sonnenschein, super Crew, super Stimmung, und dann diese Nachricht, von der wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten, dass sie mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit das Ende unserer Segelsaison einleiten würde. Eine Nachricht, die der Beginn war für unsere Flucht aus dem Paradies, die aus einem Karibik Traum einen Corona Albtraum gemacht und uns unerwartet und verfrüht wieder zurück nach Köln geführt hat.

Der Versuch unserer Corona Chronologie der Ereignisse:

(Warnung: es folgt viel Text 🙂 Für eine Kurzfassung hier klicken).

 

11.03.2020, Jacques Cousteau Nationalpark, Guadeloupe: Corona erreicht die Karibik

„Allerdings greift natürlich gerade Corona ordentlich in alle Planungen ein und ich mag mir nicht ausmalen wie es bei euch ist….
Wir werden wahrscheinlich die nächsten zwei Wochen alleine sein da unsere Gäste nicht nach Grenada einreisen können (…)“

So beginnt das Drama und oben erwähnte Nachricht eines Freundes, der zu dem Zeitpunkt mit seiner Freundin zwischen Grenada und den Grenadines segelnd unterwegs ist. Wir fragen uns (noch), was er sich denn ausmalt, wie es uns geht. Gut. Bestens. Die Stimmung ist super und ausgelassen, morgen liegt ein langer Segelschlag vor uns, auf den sich alle freuen, es könnte nicht besser gehen.

Ok, dieser Punkt, dass Gäste nicht nach Grenada einreisen können, irritiert etwas. Peter und Freund telefonieren über Whatsapp (bis Whatsapp oder Zoom Video Konferenzen und das Skype-Revival ihren Höhepunkt haben, wird es noch ein paar Tage dauern). Peter will sich vergewissern, ich recherchiere parallel. Die Seite des Auswärtigen Amtes, Unterrubrik Reise- und Sicherheitshinweise, soll in nächster Zeit noch meine beste Freundin werden. Tatsächlich:

Grenada hat am 9. März 2020 entschieden, eine Einreisesperre für Reisende aus besonders betroffenen Ländern auch auf Deutschland auszuweiten.

Grenada ist zu!

Als erste Insel der Kleinen Antillen, der Inselkette der östlichen Karibik, dem Gebiet, in dem wir die nächsten Wochen noch unterwegs sein werden (oder wollen?). Grenada ist eine der südlichsten Antillen Inseln. Vor vier Wochen sind wir hier selber noch gesegelt, haben Silvester gefeiert, Crew Wechsel in der Port Louis Marina gehabt, Freunde vom Flughafen abgeholt… und jetzt soll dort keiner mehr einreisen dürfen? Das können die doch nicht machen? Immerhin ist die Insel auf die Touristen angewiesen, Condor fliegt alle paar Tage von Frankfurt direkt, ist das nicht etwas übertrieben? Oder einfach nur Verantwortungs bewusst im Sinne von präventivem Handeln? Werden andere Inseln nachziehen? Und wenn ja, welche?

Im Nachhinein wissen wir: Grenada hat absolut richtig gehandelt und rechtzeitig Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Bis heute (Stand: 19.04.2020) hat das Land nur insgesamt 14 Infektionsfälle, darunter kein Todesfall in Verbindung mit Corona (Quelle: Johns Hopkins, https://coronavirus.jhu.edu/map.html).

In dem Moment aber haben wir nur viele Fragen und kaum Antworten (der Zustand hält bis heute an). Wir sind zunächst ratlos, können nicht abschätzen, ob und wenn ja was das für Konsequenzen auch für uns haben wird. Aber mit einem sind wir uns einig – gerade weil keiner abschätzen kann, was als nächstes kommt, wollen wir nun so schnell es geht nach Antigua, die Endstation unseres Törns, und leider auch eine der Inseln mit den strengsten Einklarierungs-Formalitäten (Einklarieren = Einreiseprozedere/-behörden für Schiffe) im „Customs & Immigration“ Büro.

 

12.03.2020, Guadeloupe – Falmouth Harbour, Antigua: bloß schnell einklarieren

Um 5.00 Uhr klingelt der Wecker. Wir brechen mit dem ersten Sonnenlicht auf. 50 Meilen (knapp 100 km), ca. zehn Stunden Fahrt, liegen vor uns, zunächst noch an der Küste Guadeloupes vorbei, über das Nordcap, durch den Channel (die Meerenge zwischen den Inseln) bis zur Südspitze Antiguas. Unser Ziel: Falmouth Harbour, eine große geschütze Bucht, die von riesen Megayachten bis zu kleinen privaten Seglern für jeden einen Platz bietet.

Ein wunderschöner Sonnenaufgang über der wilden, grünen Landschaft Guadeloupes und diverse Regenbögen begleiten uns in den Tag. Es fehlt allerdings etwas die Ruhe, das zu genießen. Zu präsent sind noch die Gedanken an das Telefonat mit unserem Freund und die Frage nach möglichen Konsequenzen. Solange wir noch in der Landabdeckung Guadeloupes sind, nutzen wir daher das französische Handynetz und versuchen, alle vorhandenen Informationen zur aktuellen Situation in der Karibik zu sammeln.

Ca. zwei Stunden haben wir noch, dann geht es in den Kanal. Netz weg.  Knapp sieben Stunden lang. Sieben Stunden, in denen viel passieren kann. Werden die anderen karibischen Inseln nachziehen? Wird Antigua die Flughäfen auch schließen, oder gar die Häfen? Hoffenlich können wir noch ordnungsgemäß einklarieren.

Einklarierung in Antigua

Unter normalen Umständen lassen wir uns bei Ankunft Zeit, suchen uns einen perfekten Platz oder eine Mooring (eine Art Ankerball, an dem man sich fest macht, „wie ein Pferd vor dem Saloon“ sagt der Skipper immer) in erster Reihe und fahren dann gemütlich an Land. Heute ist alles anders. Keine Zeit verschwenden. Ankerplatz gefunden, „20 Meter Kette jetzt!“, Kette fällt, „20 Meter draußen!“, „fahre rückwärts“, „Kette spannt“, Anker hält, Hahnepott dran, „gehe in Leerlauf“, „Hahnepott spannt, Kette hängt“, „MANÖVER BEENDET“… die Kommandos sitzen, der Anker sitzt auch. Wir machen direkt das Dinghy klar und fahren an Land.

Bevor wir das Büro betreten, suchen wir aber erst einmal das nächste Wifi, um zu schauen, ob es irgendwelche Neuigkeiten oder Restriktionen für Antigua gibt. Gibt es (noch) nicht, puh, Glück gehabt, dann mal schnell. Normalerweise würden wir die Crew auch direkt mitnehmen, damit sie sich schon mal English Harbour, die alte britische Festungsanlage mit ihrem Naturhafen, anschauen können. Heute jedoch nicht, denn die offiziellen Einklarierungsregeln besagen, dass nur der Master (Skipper) das Land betreten darf, bis der letzte Stempel unter den Papieren sitzt. Und wir wollen es uns heute definitiv nicht mit den Behörden verscherzen.

Wir haben die Unterlagen soweit möglich schon online vorab ausgefüllt (über eSeaClear), so dass es erstaunlich unbürokratisch und flott geht (der Negativ-Rekord liegt bei vier Stunden). Dann ist es offiziell. Wir sind einklariert, mit Stempeln, Schiff und Besatzung, und jeder einem Visum für 90 Tage, das ist schon mal ein gutes Gefühl.

Burger, Bier & die ersten Rückfluggedanken

Die Stimmung ist, als nun auch die restliche Crew ordnungsgemäß das Schiff verlassen und Land betreten darf, entsprechend ausgelassen. Wir lassen es uns bei Burger & Beer gut gehen, lachen mit den Kellnerinnen und genießen den Abend.

Bis ein Gerücht die Runde macht, dass Antigua bereits die erste Corona Infizierte hat. Wie jetzt? Wir können es kaum glauben, das ging schnell, wie ist das möglich? Es ist möglich. Eine Engländerin wohl, die bereits infiziert ins Land eingereist sein soll und direkt in Quarantäne und unter medizinische Beobachtung gestellt wurde. Also alles gut? Schwer zu sagen, in 14 Tagen wissen wir mehr. Ein komisches Gefühl bleibt.

Auch die Crew wird langsam etwas unruhig. Zwei Mitsegler überlegen, ob sie ihren Rückflug vorziehen und um- bzw. neu buchen sollen. Sie hätten diesen in einigen Tagen erst, allerdings über die USA. Hier gibt es zwar noch keine Beschränkungen, aber wer kann schon sagen, wie lange noch? Am Ende des Abends steht (erst einmal) der Entschluss, den geplanten Flug zu behalten und die Tage vor Ort noch (aus)zu nutzen. Ende gut, alles gut? Zumindest an diesem Tag. Und so gibt es dann doch noch eine ausgelassene, fröhliche Rum-reinfeier-Cockpit-Party, bei der alle die Sorgen für einen Moment vergessen, denn…

 

13.03.2020, Falmouth Harbour, Antigua: Skippers Geburtstag (das Drama nimmt seinen Lauf)

„Happy Birthday to you, happy Birthday to you, happy Birthday lieber Peter, happy Birthday to you!“

Einen wunderschönen guten Morgen und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Lieblingsskipper! Welch denkwürdiger Geburtstag…

Der Tag beginnt mit Sonnenschein, die Crew ist bereit für den Landgang, English Harbour zu entdecken und den Strand auszukosten. Zur Feier des Tages hat Peter heute „Dinghy frei“, ich übernehme alle Fahrten, so dass er sich schon mal am Nachmittag gemütlich ins Café setzen, Glückwünsche empfangen und in Ruhe mit der Heimat telefonieren kann. Ich komme dann mit der restlichen Crew später nach, damit wir in der Bar von gestern, die mit einer Geburtstags Deko überraschen wollen, alle zusammen feiern können. So zumindest der Plan. Ein Plan in Zeiten von Corona…

Schon beim Festmachen am Dinghy Steg sehe ich Peter an, dass irgendwas nicht stimmt. Sollte er nicht fröhlich lachend entspannt dort stehen? Stattdessen werde ich mit den Worten begrüßt: „Mach dein Handy lieber nicht an!“.

Mach dein Handy lieber nicht an?

Ok, das ist ungefähr so, als würde man einer Frau sagen, „du hast einen Gutschein über 500,- € für das Schuhgeschäft, aber verschenk ihn doch lieber“. Oder irgendeinem Menschen, „denk nicht an rosa Elefanten!“ (na, woran denkst du grad?).  Ich ahne, das werden keine guten Nachrichten. Natürlich mache ich mein Handy trotzdem an, sobald wir in Wifi-Reichweite sind. Diverse neue Nachrichten im Postfach. Whatsapp steht auch nicht mehr still.

Dann ist es Gewissheit. Corona und die ersten Auswirkungen sind in der Karibik angekommen.

Die ersten Mitseglerinnen sagen ab. Sie wären auf dem nächsten Törn von Antigua über Barbuda und St. Barth nach St. Maarten dabei, hätten ihren Flug nach Antigua über St. Maarten – doch der Flughafen wird ebenfalls für den internationalen Luftverkehr geschlossen. Anreise nicht möglich. In einem Fall storniert die Airline den Flug immerhin von sich aus. Das soll sich in den nächsten Tagen noch ändern, wir werden unsere Erfahrungen machen mit Nicht-Erreichbarkeit der Service Hotlines, unkonkreten Aussagen und mangelnder Unterstützung.

Geburtstagsabend mal anders

Im Moment sind wir aber erst einmal nur sprachlos, können die Tragweite noch nicht richtig fassen und erst recht nicht ahnen, was alles noch passieren wird. Wir verbringen stattdessen Peters Geburtstabend damit, im Halbstundentakt die für uns relevanten Seiten (Länder) des Auswärtigen Amtes zu überprüfen, ob es noch weitere Neuigkeiten und Hiobsbotschaften gibt.

Gibt es. Die USA verhängt ab heute Nacht ein Einreiseverbot für Personen (mit wenigen Ausnahmen), die sich innerhalb der letzten 14 Tage u.a. in Deutschland aufgehalten haben. Zack. Einfach so, aus heiterem Himmel, Trump´sche Trotzreaktion. Und unsere beiden Crewmitglieder, die über die USA zurückfliegen sollen, werden plötzlich wieder unruhig. Zu Recht. Zwar sind sie am Tag ihres Rückfluges mit 18 Tagen außerhalb Deutschlands theoretisch auf der sicheren Seite aber – praktisch ist alles möglich, und sicher ist zurzeit gar nichts.

Sicher ist nichts

Außer der Gewissheit, dass wir morgen Früh so schnell es geht in die Marina wollen, in einen sicheren Hafen, und dann in Ruhe mit stabilem Wifi die Lage recherchieren und beobachten.

Trotzdem lassen wir es uns natürlich nicht nehmen, den Skipper noch zu feiern und genießen die Atmosphäre in und um die Kneipen am Dock. Hier geht´s immer richtig rund, Crews der Megayachten feiern mit reichen Eigner Kindern genauso wie mit Urlaubs- und Langzeitseglern, eine tolle Stimmung (wenn auch heute schon etwas gedämpfter). Es soll das letzte Mal für unbestimmte Zeit werden. Noch während wir auf unsere Bestellung warten, laufen im Hintergrund die Nachrichten im Fernsehen. Antigua verbietet ab morgen alle Großveranstaltungen. Wie jetzt? Keine Parties mehr am Steg? Kein Shirley Hights (das wöchentliche sonntägliche Higlight Steeldrum Fest, das selbst an Weihnachten oder bei Sturm nicht abgesagt wird)? Keine Antigua Sailing Week? Details sind noch nicht klar, sollen aber in den nächsten Tagen bekannt gegeben werden.

Klar ist – Corona ist wirklich in der Karibik angekommen. Und dieser Geburtstag wird ein unvergesslicher der ganz besonderen Art bleiben.

 

14.03.2020, von Falmouth nach Jolly Harbour, Antigua: Leinen fest in der Marina

Wir verschwenden – trotz des kleinen Katerchens an Bord – keine Zeit. Frühstück, Schiff klar, Anker auf, raus aus der Bucht und Kurs auf Jolly Harbour im Nord-Westen Antiguas. Die letzten 15 Meilen unseres Törns. Normalerweise noch mal ein Moment zum Genießen, die gemeinsamen Tage Revue passieren zu lassen, die Segel ein letztes Mal zu setzen und den Anblick aufzusaugen, wenn die Wasserfarbe Meile für Meile immer türkiser wird.

Heute hängt jeder seinen eigenen Corona Gedanken nach, und selbst das Wetter spielt nicht mit. Ca. zwei Meilen vor der Einfahrt zur Marina erwischt uns noch mal ein Squall (ein kurzer, aber umso heftiger Regenschauer), so dass wir unseren Speed drosseln, um nicht in totaler Blindfahrt in die Marina einzulaufen. Bei schlechtem Wetter kommt außerdem kein Marinero (Hafenmeister), die sind in der Karibik grundsätzlich Wasser scheu. Wir warten also ab, bis der Squall vorbei gezogen ist, steuern in die Hafeneinfahrt, funken den Marinero an, doch der meldet sich erst mal nicht. War aber unsere Schuld, wir haben es die ganze Zeit auf Kanal 16 (der normalerweise gängige) versucht, die Marina ist aber auf CH 68 erreichbar (für diejenigen, die hier mal hinkommen).

Ankunft in der Marina

Über Kanal 68 funktioniert´s reibunglos, die Dockmaster melden sich, weisen uns unsere Box zu, nehmen die Leinen an – und wir sind fest!

Riesen Erleichterung. Angekommen zu sein in einem sicheren Hafen, mit guter Infrastruktur, super Service, sanitären Anlagen, Wasser, Strom, dem Supermarkt direkt gegenüber… hier bleiben wir nun erst mal die nächsten Tage, warten die Entwicklungen ab, und werden das Schiff solang keine Meile aus der Marina raus bewegen. Wer weiß, was sich die Regierungen noch einfallen lassen, nicht dass wir nachher in keinen Hafen mehr rein kommen (da haben wir noch Witze drüber gemacht…).

Apropos Wasser & Strom – das ist für uns Skipper die erste Amtshandlung, nachdem wir fest und die Maschinen aus sind. Wasserschlauch und Stromleitung anschließen und die Wassertanks bis zum Anschlag auffüllen, sicher ist sicher. Antigua hat immer wieder Wasserversorgungsprobleme, vor zwei Jahren gab es Tage lang kein Frischwasser in der Marina, und wir nutzen die Gelegenheit lieber direkt, wenn wir sie haben.

Endlich wieder Wifi

Die Crew verschwindet derweil größtenteils direkt ins Wifi, die Recherche beginnt, welche Länder noch geöffnet haben, welche Airlines noch fliegen, was es für eventuelle Alternativen gibt… Das dauert, denn Handy Netze, Service Center, Buchungs Websites sind hoffnungslos überlastet. Am Ende ist jedoch klar: über die USA zurück zu reisen ist zu riskant. Saint Maarten ist ohnehin schon geschlossen, ein Rückflug storniert. Von acht Leuten buchen (erst) einmal drei neue Flüge, entweder über Kanada oder über Barbados & Martinique, hier soll ein Transit momentan (noch) problemlos möglich sein.

Ein komisches Gefühl für alle, nicht sagen zu können, ob die Ausreise nach Hause klappt. Die schöne, lustige, gemeinsame Zeit mit solch mulmigen Gedanken beenden zu müssen. Nicht zu wissen, was einen zu Hause erwartet, wir hören schon die ersten Geschichten aus der Heimat von Hamsterkäufen und der neuen, gängigen und starken Währung Klopapier…

Aber wir lassen uns auch heute nicht unterkriegen und die Stimmung nicht verderben und stoßen mal wieder auf die Gesundheit an, „Bless, Love & Respect!“.

Die Marina Kneipe hat übrigens ironischer Weise während des Sommers den Sponsor gewechselt, der neue prankt nun in großen Leuchtbuchstaben an der Bar… „Corona – this is living“… wir sind uns nicht sicher, ob da einer ein richtig gutes Händchen bewiesen hat oder der Marketing Chef gerade gefeuert wird.

 

15.03.2020, Jolly Harbour Marina, Antigua: Abschied von der Crew & Provisionierung

Time to say goodbye (DANKE dass ihr da wart und für die tolle Zeit, trotz allem! „Reschpekt!). Die Crew geht von Bord, zerstreut sich in (fast) alle Himmelsrichtungen, die Heimreise klappt mehr oder weniger (über Barbados und Martinique nach Deutschland leider eher weniger) gut, und wir erhalten innerhalb der nächsten Tage die Nachricht, dass alle gut zu Hause angekommen sind. Fast alle. Ein lieber Mitsegler kommt in ein paar Tagen wieder an Bord, er wollte ursprünglich den nächsten Törn noch mitsegeln, bis St. Maarten, von wo er seinen Rückflug hätte (finde den Fehler…).

Wir sind uns alle drei jetzt schon einig, dass die Marina mit dem Schiff zu verlassen momentan keine Option ist (siehe oben) und wir die Entwicklungen erst einmal abwarten wollen. Peter und ich spielen im Kopf mögliche Szenarien durch. Hier bleiben? Die neue Crew (soweit sie denn ins Land einreisen darf/kann) in ein paar Tagen in Empfang nehmen, in der Marina zwei Wochen verbringen, Landausflüge machen? Oder es doch irgendwann riskieren und Richtung St. Maarten aufbrechen, in der Hoffnung, dass zumindest Schiffe ins Land einreisen dürfen?

Dürfen sie momentan noch, aber nur, wenn die Besatzung 14 Tage mindestens nicht in Deutschland war. Das gilt für uns beide, für unseren einen Mitsegler, aber die restliche Crew, die kommt frisch aus Europa… was ist, wenn sie uns dann nicht rein lassen? Wir umkehren müssen, zwei Tage und Nächte zurück nach Antigua segeln, in der Zwischenzeit vielleicht auch hier die Grenzen schließen?

Wir können was die Entwicklungen angeht nur spekulieren. Das kann einen wahnsinnig machen, wir waren noch nie so viel im Internet, Facebook, Spiegel, Auswärtiges Amt, Seglerforen, Antigua News Room… der Versuch, möglichst viele Informationen und ein vollständiges Bild der Lage zu bekommen.

Provisionierung

Um dem Wahnsinn zu entgehen und das Gefühl zu haben, irgendwas tun zu können, kontrollieren wir zumindest schon mal unsere Vorräte, zählen die Gallonen Wasser an Bord und schauen, was wir noch an Konserven, Reis & Pasta auf Lager haben (wir haben nicht nur Pasta, sondern auch Kilo weise Mehl & Hefe und natürlich diverse Rollen Klopapier). Wir kalkulieren so, dass wir für drei Wochen autark wären und stocken die fehlhenden Lebensmittel- und Getränke-Mengen beim Großeinkauf im Supermarkt gegenüber auf. Der ist übrigens erstaunlich gut gefüllt, keine Anzeichen von Hamsterkäufen oder Panik. Ein Freund von uns, den wir zwischen den Regalen treffen, sagt trocken: „Wartet´s ab, in ein paar Tagen sieht das ganz anders aus.“ Er soll Recht behalten…

Die Reservierung in der Marina verlängern wir vorsichtshalber auch erst mal, es wird schon deutlich voller hier, nicht dass sie uns irgendwann raus schmeißen (machen sie nicht, ganz im Gegenteil).

 

16.03.2020: der erste Tag allein zu zweit

Oder auch die Ruhe vor dem Sturm. Der Tag ist wirklich erstaunlich ruhig, fast schon beun-ruhig-end. Irgendwie sind wir schon darauf gepolt, täglich neue Hiobsbotschaften zu erhalten.

Ach doch, da war noch was. Die letzten vier Mitsegler/innen aus der nächsten Crew sagen auch ab. Das war es dann erst mal mit dem vorletzten Karibiktörn der Saison. Dabei hatten wir uns schon so auf St. Maarten gefreut, wo vor ein paar Monaten mit unserem Schiff Jo die ganze Reise begonnen hat. Es ist irgendwie zum Heulen, aber auch noch nicht ganz im Bewusstsein angekommen.

Stattdessen machen wir unseren traditionellen Netflix-Cockpit-Abend, um mal auf andere Gedanken zu kommen. Gar nicht so leicht. Denn nebenbei lesen wir natürlich trotzdem die für uns relevanten News – und erfahren, dass ab morgen nun auch Kanada die Grenzen schließt, u.a. für alle Personen, die innerhalb der letzten 14 Tage in Deutschland waren. Die Meldung erfolgt übrigens, während ein Teil der letzen Crew gerade auf dem Weg von Kanada nach Europa ist, keine 24 Stunden nach Abreise. So schnell kann es in Corona Zeiten gehen.

 

17.03.2020: das Auswärtige Amt kommt ins Spiel

Vor nicht notwendigen, touristischen Reisen ins Ausland wird derzeit gewarnt, da mit starken und weiter zunehmenden drastischen Einschränkungen im internationalen Luft- und Reiseverkehr, weltweiten Einreisebeschränkungen, Quarantänemaßnahmen und der Einschränkung des öffentlichen Lebens in vielen Ländern zu rechnen ist.

So beginnt die weltweite Reisewarnung auf der Seite des Auswärtigen Amtes, die dort selbst noch bis zum heutigen Tag und über diesen hinaus zu finden ist, seit nunmehr über fünf Wochen. Gab es das jemals zuvor? Ich kann mich an kein Ereignis in der Vergangenheit erinnern, das solch eine weitreichende und weltweite Maßnahme erfordert hätte.

Aber sicherlich werden sich selbst in zehn Jahren alle unserer Generation noch erinnern können wo sie an dem Tag oder zu der Zeit waren, als Corona um sich griff (ähnlich wie 9/11, der Tod von Lady Diana oder die WM 2014, funktioniert ja auch mit schönen Ereignissen).

Die Rückholaktion beginnt

Damit aber noch nicht genug. Das Auswärtige Amt spricht nicht nur die Reisewarnung aus, sondern kündigt auch gleichzeitig eine Rückholaktion für im Ausland gestrandete Deutsche an. Es soll die größte Rückholaktion in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland werden. Über 240.000 Deutsche werden am Ende koordiniert aus allen Kontinenten dieser Erde nach Hause geholt worden sein.

Wir fragen uns am Tag der Veröffentlichung von Reisewarnung und Rückholaktion, ob das für uns Sinn macht? Noch geht es uns doch gut hier, wir beobachten die Lage erst einmal und entscheiden dann in ein paar Tagen, ob wir auch zurück fliegen wollen.

Allerdings verschlechtert sich besagte Lage auf den Nachbarinseln bereits zusehends. Aus St. Vincent & the Grenadines erfahren wir, dass das Land zwar noch offen ist für Segler (selbst heute noch, als einziges Land, wenn auch unter bestimmten Bedingungen, wie z.B. dass eine 14tägige Quarantäne an Land auf eigene Kosten erfolgen muss). Gleichzeitig werden jedoch Schiffe und Crews mit Ziel Grenadines dazu angehalten, bereits im Ausgangsland die Lebensmittel einzukaufen. Da es in den Grenadines keine Produktion von Gütern gibt, diese alle ins Land importiert werden müssen und unter normalen Umständen schon limitiert sind, soll vermieden werden, dass die Bewohner vor Ort vor leeren Regalen stehen.

Wiedersehen mit Freunden

Der Supermarkt an unserer Marina hingegen ist nach wie vor gut gefüllt. Was auch ein befreundeter Skipper weiß, der mit seiner Crew draußen ankert und zum Einkaufen an Land kommt. Wir freuen uns sehr über das Wiedersehen, lang lang ist´s her. Die mulmigen Gedanken kommen erst später, denn – unser Freund kam geradewegs aus St. Maarten nach Antigua (was nicht weiter schlimm wäre), mit ihm in der Crew aber u.a. zwei Mitsegler, die vor einer Woche noch in Deutschland mitten im Corona Ballungsgebiet saßen. Ein wirklich komisches Gefühl.

Als alle von Bord sind, überlegen wir…. Wir haben die Hände geschüttelt (wer weiß, wann sie die das letzte Mal gewaschen haben?), der eine hat fröhlich die ganze Zeit vor sich hin gehustet (ok, könnte auch am Rauchen liegen), wir saßen alle gemütlich im Cockpit nebeneinander (hoffentlich ist was dran an der Theorie, dass die Viren bei Sonneneinstrahlung schwächere Überlebenschancen haben), haben Kaffeetassen und Milchpackungen angepackt, was wäre, wenn da ein stiller Überträger bei ist… Was wäre wenn, hätte sollte müsste… Kopfkino.

Der Versuch zu verstehen

Es ist weniger die Angst um unsere Gesundheit und dass wir uns infizieren könnten (wobei das natürlich auch im Hinterkopf schwirrt). Auch keine Ablehnung gegenüber allen, die die letzten 14 Tage noch in Deutschland waren. Sondern eher der Versuch zu verstehen, wie sich so ein kleiner, für das menschliche Auge nicht sichtbare, Virus so entwickeln und verbreiten kann. Wie er es über Ländergrenzen schafft, in den Flieger, in die Karibik. Und was es für uns alle, Segler, Marinamitarbeiter, Bewohner der Insel, bedeutet, wenn er hier ankommt.

Denn wenn in Deutschland die medizinische Betreuung bei explodierenden Zahlen schon nicht ausreichen würde, auf Antigua Corona Tests nach Trinidad & Tobago geschickt werden müssen zur Auswertung, weil die medizin-technischen Möglichkeiten nicht vorhanden sind, wenn die Lebensmittel auf den karibischen Inseln jetzt tlw. schon zuneige gehen, die Versorgung nicht sicher gestellt werden kann…

Was würde das hier mit den kleinen Ländern machen? Diese ins Chaos stürzen? Wir wollen es uns ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, wollen vor allen Dingen nicht diejenigen sein, die den Virus ins Land bringen, nicht Teil dieser anscheinend unaufhaltsamen Kette sein. Deshalb nehmen wir uns als Resumé zumindest vor, ein bisschen achtsamer zu sein, auf Körperkontakte/Händeschütteln mit uns unbekannten Menschen zu verzichten und waschen uns erst einmal (und nicht das letzte Mal) gut die Hände.

 

18.03.2020: WG auf Zeit und neue Verbote

Action am Morgen. Unser Freund läuft mit Schiff und Crew ebenfalls in die Marina ein, um hier die Entwicklungen abzuwarten, einen besseren Zugang zu Informationen zu haben und die logistischen Vorteile einer Marina (Wasser, Strom, sanitären Anlagen…) nutzen zu können.

Gleichzeitig kommt unser Mitsegler vom letzten Törn nach ein paar Tagen im Hotel in Saint John´s wieder zurück zu uns und an Bord von Jo. Saint John´s ist die Hauptstadt Antiguas, normalerweise wimmelt es hier täglich von Kreuzfahrer-Gästen, Tourenanbietern und bunten Souvenirläden. Die Kreuzfahrer dürfen Antigua seit ein paar Tagen aber nicht mehr anlaufen, die Stadt ist fast ausgestorben. „Where have all the cruisers gone?“ … einige sollen uns zu einem späteren Zeitpunkt in einem anderen Land noch mal begegnen, ein Großteil wird wohl auch in Miami geparkt. Für das Land auf jeden Fall wirtschaftlich eine Katastrophe, bringen die Kreuzfahrer doch jährlich Millionen Dollar auf die Insel.

Die Sorgen um den Tourismus scheint man in Guadeloupe, die erste Insel südlich von Antigua, nicht zu haben und die finanziellen Folgen, vielleicht dank Unterstützung aus Frankreich, verkraften zu können. So gibt es Gebiete und vorgelagerte Inseln und Ankerbuchten, aus denen ausländische/nicht-französische Yachten raus geschmissen werden und noch heute das Land verlassen müssen. Auch eine Art, wenn auch er zweifelhaft, um Corona fern zu halten.

Marinaleben

Wir halten es dann doch lieber mit der Gastfreundschaft, begrüßen unseren Mitsegler gerne wieder zurück, freuen uns über ein paar Tage WG auf Zeit, und verbringen den Abend direkt mit unserem Skipper-Kumpel und seinen Leuten. Fröhlicher WG Abend, mit ernsten Themen (die erste TV Ansprache unserer Kanzlerin lässt sich durchaus als historisch bezeichnen), aber auch guten und lustigen Gesprächen, die sich nicht nur um Corona drehen.

Unsere Lektion von gestern haben wir übrigens trotzdem gelernt, verzichten bei der Begrüßung aufs Händeschütteln und halten bewusst mehr Abstand ein. Für besonders Beratungs resistente, die trotzdem den Körperkontakt suchen, hat das Personal an der Bar dann netterweise eine Flasche Desinfektionsspray bereit stehen. So können wir alle entspannt den Abend genießen (und ein Corona drauf trinken).

 

19.03.2020: es spitzt sich zu, Registrierung bei Elefand

Mittlerweile haben wir eine kleine Corona Routine entwickelt. Peter braucht am Morgen seine Cola Light, den Gang zum Supermarkt, einen Snack. Ich brauch nur Kaffee. Während wir „frühstücken“, scrollen wir uns durch die Neuigkeiten des Tages. Kann ja momentan immer viel passieren über Nacht. Wir fragen uns jeden Morgen, was es wohl heute für Überraschungen gibt. Schön sind die Tage ohne Überraschungen. Kann mich allerdings nicht erinnern, wann wir die das letzte Mal hatten.

Wenn wir beide unsere News gelesen haben, reden wir und tauschen uns aus. Wir versuchen, die Nachrichten zu bewerten, die für uns relevanten Inhalte raus zu filtern und fragen uns dann, ob wir entsprechende Konsequenzen daraus ziehen müssen, Pläne anpassen, neue Entscheidungen treffen. In der Wirtschaft, im Projektmanagement, wäre das wohl eine klassische Risikobewertung. Nichts anderes machen wir hier, einmal morgens, einmal abends (mindestens).

Risikobewertung – relevante News

Am Beispiel heute funktioniert das so:

Die (für uns) relevante News (per Whatsapp von bekannten Seglern vor Martinique erhalten):

Martinique (drei Inseln südlich von Antigua) hat eine Ausgangssperre verhängt! Wer vor Anker auf einem Schiff lebt, muss auf diesem bleiben. Selbst das Schwimmen im Wasser um das eigene Schiff ist bei Androhung eines Bußgeldes (135,- €) verboten. Vom Schiff an Land fahren darf jeweils nur eine Person; diese muss in Besitz eines Passierscheins sein. Frischwasser für die Tanks darf ein Mal pro Woche zu festgelegter Zeit gebunkert werden.

Bewertung dieser News:

Das ist krass. Was anderes fällt uns erst mal nicht ein. Die erste karibische Insel mit Ausgangssperre. Selbst Schwimmen ums eigene Schiff nicht erlaubt? Das ist doch Schwachsinn, das können die doch nicht machen. Doch, können sie. Machen sie. Und kontrollieren es konsequent. Über Martinique kreisen Hubschrauber, um die Schiffsbewegungen zu kontrollieren. In den Ankerbuchten patrolliert die Coast Guard, um Dinghy Fahrten ohne Passierschein zu unterbinden.

Wir fragen uns, ob die Franzosen einfach nur strenger sind als andere Nationen? Oder gehen sie mit vermeintlich gutem Vorbild voran, werden die anderen Inseln nachziehen? Was ist, wenn die das wirklich machen, wollen wir es riskieren, dann noch hier zu sein, auf unserem Schiff gefangen, ohne die Möglichkeit, an Land zu gehen? Was ist, wenn wir krank werden, uns die Nahrung ausgeht? Oder ganz banale Frage, wie sollen wir denn ins Wifi und unsere täglichen Infos ziehen, wenn wir nicht auf den Steg und zum Café dürften? Aber vielleicht ist das ja auch alles nur übertriebene Panikmache, und es wird nicht so weit kommen?

Fragen über Fragen.

Auf kaum eine haben wir eine Antwort. Und doch schleicht sich nach und nach der Gedanke ein, dass wir auf Antigua in Zeiten von Corona vielleicht doch nicht so gut aufgehoben sind wie wir es mal dachten. Dass es uns in Deutschland eventuell besser ginge. Möchten wir noch in der Marina fest sitzen, wenn die Situation irgendwann eskalieren sollte, wenn es zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung kommt? Aus Grenada hören wir von unserem Freund, dass das dort schon teilweise der Fall ist. Auch hier gibt es Einschränkungen beim Einkauf, die Einkaufszeiten richten sich nach dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens, das soll helfen, das Aufkommen vor den Supermärkten (von denen nur noch die kleinen Tante Emma Läden aufhaben) zu reduzieren. Es hilft nur bedingt, vereinzelt kommt es schon zu Krawallen, die Polizei muss eingreifen und schlichten.

Möchten wir das erleben, den Bewohnern die Ressourcen weg nehmen? Um hier auf Crew zu warten, die es wahrscheinlich gar nicht zu uns schaffen wird? Aber wenn ohnehin keine Crew zu uns kommen kann, sollten wir dann nicht besser nach Hause kommen? Das Auswärtige Amt startet die Rückholaktion ja auch nicht grundlos. Das ist kein Spiel mehr hier.

Die Konsequenz:

Wir registrieren uns bei Elefand, der Plattform des Auswärtigen Amtes, über dass die notwendigen Daten der Rückholaktion erfasst werden.

Nun sind wir also auch Teil der im Ausland gestrandeten Deutschen. Wir werden uns noch häufig über unqualifizierte Kommentare (hauptsächlich von Facebook Nutzern) ärgern, in denen alle Deutschen im Ausland pauschal über einen Kamm geschert und als Urlauber bezeichnet werden, die es nicht besser verdient haben, als da hängen zu bleiben. Wie man so doof sein kann, während Corona Urlaub zu machen. Das wäre doch unnötig, eine Verschwendung von Steuergeldern, egoistisch, usw.

Dabei sind die Geschichten aller Betroffenen so zahlreich wie die Ländern und Nationen, aus denen sie zurück geholt werden. Natürlich sind viele Pauschalurlauber dabei, deren Urlaubsende vielleicht genau auf den Zeitpunkt der Reisewarnung fällt, was zu Urlaubsbeginn vielleicht nicht absehbar war. Genauso unter den Rückkehrern sind aber auch Backpacker, Schulabsolventen, die ein Jahr auf Reisen gehen wollten, Familien, die drei, vier Monate Sabbatzeit gemeinsam geplant hatten, Mitarbeiter von Non-Profit Unternehmen, Kreuzfahrer Gäste, die am Zielort abgewiesen wurden, Menschen, die auf Zeit im Ausland arbeiten, aber aus ihren Wohnungen geschmissen wurden, weil sie aus einem Risikoland kommen, und und und… und eben auch wir Segler.

Kosten eines Rückfluges

Kostenfrei ist die Rückholung zudem auch nicht. Die genauen Kosten pro Person können erst im Nachhinein kalkuliert und festgelegt werden. Es ist jedoch davon auszugehen, dass der Preis nach Hause zu fliegen ungefähr dem eines regulären Economy Tickets für die jeweilige Strecke entspricht. Ein fairer Preis wie wir finden.

Gewünscht hat sich das keiner von uns. Wenn wir die Wahl hätten, unter ganz normalen Bedingungen, würden wir natürlich lieber hier bleiben, weiter segeln, das Meer und die Freiheit genießen. Aber unter den Umständen sind wir alles andere als frei, und keiner weiß, was noch kommen wird. Deshalb sind auch wir seit diesem Tag Teil des Rückholprogramms.

Unser Mitbewohner auf Zeit hat sich ebenfalls registriert und außerdem bereits für nächste Woche einen Heimflug gebucht. Er traut den Entwicklungen auch nicht mehr, kann sich von Antigua ohnehin gerade nicht viel anschauen und möchte daher verständlicher Weise irgendwann zurück nach Hause.

Peter und ich beschließen, dass es uns für heute reicht. Erst einmal eine Nacht drüber schlafen, morgen eine neue Analyse der Situation vornehmen, außerdem eine To Do Liste, was wir an Jo in den nächsten Tagen noch erledigen können und wollen, und dann gibt´s eine neue Konsequenz…

 

20.03.2020: wir buchen einen Rückflug

Wir haben uns entschieden. Wir fliegen nach Hause.

Mir ist zum Heulen bei dem Gedanken, die Saison abzubrechen (oder erst einmal zu unterbrechen), Jo hier in der Marina liegen zu lassen und die Flucht zu ergreifen. Aber es ist nach aktueller Lage mittlerweile die einzige vernünftige Lösung. Wir sind uns einig, dass wir nicht hier sein möchten, wenn die Ressourcen eng werden sollten und sich die Lage vielleicht zuspitzt. Wenn der vermeintlich sichere Hafen zum Gefängnis wird ohne Möglichkeit zu agieren.

Denn noch können wir agieren, noch sind wir in der komfortablen Situation, unsere Entscheidung selbst und frei zu treffen ohne fremdbestimmt dazu gezwungen zu werden. Wir sind ohnehin schon beeinflusst genug, spüren die Konsequenzen, erhalten täglich neue Emails mit Fragen von Mitseglern, wie und wann es denn nun weitergeht.

Noch sind wir optimistisch. Noch hoffen wir, dass wir vielleicht einfach in ein paar Wochen wiederkommen können, auch wenn es dann zu spät ist für entspannte Sail & Chill Törns in der Karibik, aber uns zumindest noch die Atlantiküberquerung über die Azoren zum portugiesischen Festland bleibt. Warum wir diese jetzt nicht schon starten und zurück nach Europa segeln statt fliegen? Aus mehreren Gründen.

Pro und Contra

Zum einen fehlt uns die geplante Crew, da keiner mehr freiwillig nach Antigua fliegen möchte (zu Recht). Sollte es doch einer schaffen, würden wir uns vor dem Start erst einmal in 14tägige Selbst-Quarantäne begeben um sicher zu gehen, dass uns draußen auf dem Atlantik keiner erkrankt. Es folgen gut drei Wochen auf See, mit dem ersten Ziel Azoren. Doch auch die Azoren sind mittlerweile geschlossen, Ankern ist in nur einem einzigen Hafen, nach Voranmeldung und zum Auffüllen der notwendigen Ressourcen (Diesel, Wasser) möglich. Das Aufstocken von Lebensmittel kann auf Grund von Versorgungsengpässen nicht garantiert werden. Gut möglich also, dass wir direkt Richtung portugiesisches Festland weiter segeln müssten und am Ende inklusive Quarantäne ca. sieben Wochen auf See wären, mit ungewissem Ausgang, was uns in Europa erwartet.

Da nehmen wir doch lieber den Flieger und buchen. Am 01.04. soll es von Antigua (mit Liat, der innerkaribischen Airline) über Barbados mit Lufthansa direkt nach Frankfurt gehen. Da Lufthansa die Strecke normalerweise nicht fliegt, vermuten wir, dass in Absprache mit Auswärtigem Amt/Bundesregierung neue Verbindungen eingerichtet wurden und hoffen, dass sich das nicht als April-Scherz rausstellen wird (Spoiler: wird es!).

 

21.03.2020: ein entspannter Tag

Ich habe das erste Mal seit Tagen wieder gut geschlafen. Die Erleichterung, eine Entscheidung getroffen zu haben, macht sich bemerkbar. Das ständige Hin- und Her, Gedanken wälzen, Informationen recherchieren, abwägen, die Situation nicht in der Hand zu haben… das alles hat doch etwas an den Nerven gezehrt. Aber jetzt haben wir wieder ein Ziel, einen Plan. Abflug in elf Tagen, damit bleibt uns noch genug Zeit, das Schiff für unsere Abreise vorzubereiten.

Erst mal warten wir allerdings noch auf die Bestätigung von kiwi.com, dem Portal, über das wir gestern den Flug gebucht haben – und erst heute im Laufe des Nachmittags die Bestätigung erhalten. Die Seite ist bewusst nicht verlinkt, da wir nur jedem abraten können, hier einen Flug zu buchen! Einmal und nie wieder, ein grottenschlechter Service, mangelnde Kommunikation und inkompetentes Geschäftsgebahren, wie sich noch zeigen wird.

Das ahnen wir in dem Moment aber noch nicht, freuen uns einfach nur über unser eTicket und fangen an, unsere Pläne und Listen für die nächsten Tage zu machen.

Nebenbei erreicht uns noch die Nachricht, dass auf Carriacou, einer Insel die zum Staat Grenada gehört, nun nicht mehr einklariert werden darf, sondern nur noch auf Grenada selber. Eine Nachricht, die wir zwar kurz zur Kenntnis nehmen, die aber neben all den sonst üblichen, täglichen Hiobsbotschaften kaum ins Gewicht fällt.

Ins Gewicht bzw. aufs Gewicht fällt heute nur das Abendessen. Es hat sich eine schöne WG Routine an Bord entwickelt, ich koche für „meine“ Jungs, abends liegen wir gemütlich im Cockpit, und jeder ist in seiner eigenen digitalen Welt.

 

22.03.2020: die Häfen schließen

Zum Glück sind Mehl und Hefe auf Antigua noch keine Mangelware, so dass wir den Morgen mit frisch gebackenem Brot beginnen können und dabei unsere tägliche News-Runde erledigen.

Auf Facebook gibt es mittlerweile diverse Gruppen und News-Rooms speziell für Segler in der Karibik, die teils gute und valide Informationen liefern. Aus denen entnehmen wir u.a., dass mittlerweile weitere karibische Inseln für Flug- und Schiffsverkehr geschlossen sind, wie z.B. St. Lucia, Dominica, die Britischen Jungferninseln (BVIs), die Dominikanische Republik, Bermudas… St. Lucia – unser Heimathafen der letzten Jahre. Dominica – hier waren wir noch vor weniger als zwei Wochen. Die BVIs – Ausgangspunkt der Atlantiküberquerung. Bermudas – erster Halt während der Überquerung.

Was hätte uns bloß erwartet, wenn wir nur wenige Tage früher oder später nach oder von Antigua los gesegelt wären? Wären wir überhaupt noch irgendwo rein gekommen? Wir sind froh, es nicht rausfinden zu müssen und sagen uns immer wieder „alles richtig gemacht“.

In Deutschland wurde derweil heute das Kontaktverbot beschlossen, das Menschenansammlung mit mehr als zwei Personen untersagt. Auch Friseure, Tattoo-Studios, Massagesalons und Restaurants sollen nun geschlossen bleiben.
Der Friseur bei uns in der Marina ist übrigens noch geöffnet, ich schlage Peter vor, die Gelegenheit zu nutzen, wer weiß, wann die nächste kommt, aber da die Frisur noch frisch ist, lehnt er ab (vier Wochen später sieht das anders aus… :-)).

 

23.03.2020: Abschied auf Raten

Während Merkel ihre nächste Pressekonferenz absolviert, sind wir fleißig auf Jo und nehmen ein paar Schönheitsarbeiten vor, die schon lange auf der Liste standen (unsere eigene Kabine freut sich). Irgendwie tut´s auch gut, nun mal ein paar Tage Zeit und Ruhe zu finden für all das, was während der Saison zu kurz kommt, Telefonate mit Freunden und Familie inklusive. Der Gedanke, ein fixes Rückflugdatum zu haben, ist wirklich erleichternd, heute noch mehr als gestern.

Da macht es auch nichts mehr zu erfahren, dass nun auch Martinique und Guadeloupe komplett für den Flugverkehr geschlossen sind. Wobei – das sind Nachbarinseln von Antigua. Wenn so weitreichende Entscheidungen so kurzfristig getroffen werden können, was bedeutet das dann für unseren Flug? Noch neun Tage, in denen kann viel passieren. Aber noch macht Antigua keine Anstalten, nachzuziehen, und wir entspannen uns wieder (haben aber trotzdem sicherheitshalber den „Antigua News Room“ abonniert).

Plötzlich ist es mit der Entspannung und Ruhe vorbei.

Unser Skipper-Freund schlägt mit seiner Crew (von denen einer bereits vor ein paar Tagen von Bord und nach Hause geflüchtet ist) bei uns auf, mit fragenden Gesichtern. Von zwei Verbleibenden will einer bereits morgen abfliegen, obwohl er für den Folgetag einen Flug hätte. Das ist ihm aber zu unsicher in Anbetracht der rasanten täglichen Entwicklungen. Bei unserem Mitbewohner führt das zu latenter Nervosität, soll er doch auch übermorgen (mit der anderen verbleibenden Fast-Mitbewohnerin) von Antigua über Barbados nach Frankfurt fliegen – eine Flugverbindung, die im Internet je nach Quelle als „gecancelt“ angezeigt wird. Von der Airline gibt es dazu keine Information, stattdessen den Hinweis, vorab online einzuchecken.

Die Verwirrung und Unsicherheit ist groß, bei allen Beteiligten, aber auch bei uns. Denn theoretisch haben wir nächste Woche zur selben Zeit die selbe Verbindung. Unsere steht aber (noch) im System, puh, das ist ja schon mal etwas. Wir beruhigen uns alle gegenseitig, es nützt ja nichts, jetzt in Hektik zu verfallen. Erst einmal abwarten, ob der Flieger am Mittwoch raus geht. Wenn ja, alles gut (zumindest bis Barbados), wenn nicht, sind wir hier und nehmen euch wieder auf.

Wir beschließen, trotzdem schon heute Abend unser gemeinsames Abschiedsessen mit beiden Crews zu machen, um verkatertes Fliegen zu vermeiden, und genießen noch mal ein feucht-fröhliches Beisammensein.

 

24.03.2020: Landsleutebrief

(…) Auch heute möchte ich Ihnen zuerst allen dringend ans Herz legen, jede noch gegebene kommerzielle Ausreisemöglichkeit zu nutzen. Wann die Länder unseres Amtsbezirkes in die laufende – ebenfalls kostenpflichtige – Rückholaktion aufgenommen werden, ist unklar. Die internationalen Flüge werden durch zunehmende Schwierigkeiten, etwa Start- und Landeerlaubnisse für Sonderflüge zu erwirken, nicht einfacher.
Sie sollten sich im Einzelfall auch überlegen, regionale Flüge nach Barbados in Betracht zu ziehen, wenn Sie aufgrund eines bereits länger andauernden Aufenthalts in der Region (mehr als 14 Tage) nachweisen können (z.B. durch Ein- bzw. Ausreisestempel), dass Sie nicht in Quarantäne müssen. Der Flughafen Barbados ist noch offen für Flüge nach Europa, dort sind auch viele Hotelkapazitäten.

Ich möchte an dieser Stelle aber auch klarstellen, dass vom Auswärtigen Amt keine Aufenthaltskosten im Ausland übernommen werden. Sie müssen eigenverantwortlich abwägen, ob ein Zwischenaufenthalt in Barbados in dieser Zeit von Ihnen finanziell getragen werden kann. Zudem sind die Gesundheitssysteme in vielen Ländern, vor allem den kleineren Inseln unseres Amtsbezirkes, sehr schwach entwickelt und können bei einer absehbaren Steigerung der Fallzahlen in der Zukunft schnell an ihre Grenzen stoßen. (…)

Die Botschafterin der Karibik

Ein Auszug aus dem zweiten Landsleutebrief, den wir heute erhalten, versendet von der deutschen Botschafterin Ute König in der Botschaft Port-of-Spain, Trinidad & Tobago. Die Botschaft ist zuständig für diverse karibische Staaten, u.a. auch Antigua. In Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt wird von dort die „Luftbrücke“ koordiniert. Bis zum heutigen Tag sind wir der Meinung, dass die Botschaft einen wirklich großartigen Job gemacht hat. Es waren hunderte von Deutschen in der Region betroffen, das Elefand-System wegen der unerwartet hohen Zahl von Registrierungen weltweit zwischenzeitlich überlastet (bzw. nicht mehr verfügbar), die individuellen Anfragen per Mail sicherlich auch entsprechend hoch.

Trotzdem haben die Mitarbeiter es geschafft, auch auf unsere versendeten Emails persönlich zu antworten. Sie haben sich die Zeit genommen, auf Fragen und Anliegen reagiert, und mit dem regelmäßig alle paar Tage verschickten Landsleutebrief eine top Kommunikations- und Krisenpolitik betrieben. Den Brief hat jeder erhalten, der im Rückholprogramm registriert war, unabhängig davon, ob bereits ein selbst organisierter Flug gebucht wurde. Die einzige Bitte war, eine Austragung aus dem Programm vorzunehmen, wenn eine Rückholung nicht mehr erforderlich wäre (entweder da bereits in Deutschland angekommen oder auf Grund der Entscheidung, in der Karibik zu bleiben).

Richtige Entscheidung

Als wir den Brief heute erhalten, denken wir uns mal wieder, „alles richtig gemacht“. Selbst die Botschaft fordert auf, möglichst über Barbados zurück zu fliegen. Da sollte es doch mit unserer Verbindung nächste Woche keine Probleme geben. Die Hotelkapazitäten benötigen wir nicht, wir habne ja schließlich nur acht Stunden Aufenthalt, die kriegen wir doch locker rum. Wenn wir dann erst einmal in Frankfurt gelandet sind, können wir uns immer noch aus dem Programm abmelden.

So dachten wir und haben noch mal einen gemütlichen, wirklich letzten Abend mit beiden Crews bei uns im Cockpit verbracht. Unserem Freund geben wir noch ein paar Taschen Proviant mit. Da wir ja nun doch nächste Woche schon abreisen, aber Vorrat für mindestens drei weitere Wochen an Bord ist, den wir ohnehin entsorgen müssten (Kakerlaken-Viecher-Gefahr), kann er da sicherlich mehr mit anfangen.

 

25.03.2020: es wird hektisch

7:00 Uhr morgens. Wir verabschieden uns von allen. Unsere Mitbewohner und die Mitseglerin aus der anderen Crew brechen auf zum Flughafen; unser Freund verlässt die Marina, geht erst einmal vor Anker und wartet die Entwicklungen auf dem Wasser ab. Auf dass wir uns bald wiedersehen, wo und wann auch immer! Es ist gefühlt noch mitten in der Nacht, schlafen wir noch mal ein paar Stunden, wir haben ja jetzt Zeit.

Dachten wir. Drei Stunden später, die morgendliche entspannte News-Routine. Auswärtiges Amt, Segel Gruppen, Antigua News Room… – wir sind schlagartig wach!

Der Flughafen schließt

Der Prime Minister von Antigua verkündet in einer Pressemitteilung, dass zum Wochenende der Flugverkehr von und nach Antigua eingestellt werden soll! WTF??? (Entschuldigung). Das kann doch nicht wahr sein, das können die doch nicht. Wie, jetzt am Wochenende? Aber wir fliegen doch erst nächste Woche, das geht doch nicht. Und was genau heißt „airport to close from the weekend…“ konkret? Schließt der Flughafen AM Wochende, ZUM Wochenende, VOR dem Wochenende? Wir sind uns unschlüssig wann genau, aber einig darüber, DASS er schließt, irgendwann rund ums Wochenende.

Wir müssen hier raus und nach Barbados, je eher, desto besser! Mit LIAT, der innerkaribischen Airline, gibt es am Freitag Vormittag (das ist auf jeden Fall noch vor dem Woc henende) einen Direktflug nach Barbados. Den buchen wir, sofort und ohne zu zögern. Das war knapp. Gut dass wir uns nicht auf dem Wissen um unseren Flug nächste Woche ausgeruht und trotzdem täglich informiert haben. Die im gestrigen Landsleutebrief erwähnten vielen Hotelkapazitäten benötigen wir nun auch doch. Ok, ein Hotel reicht uns. Die Auswahl ist wirklich groß, kein Wunder, die als Pauschalurlaub bekannte Destination hat ja nun vermutlich auch kaum Gäste mehr.

2 Do Liste

Das war es mal wieder mit Ruhe & Entspanntheit. Wir schnappen uns die To Do-Liste all der Dinge, die wir bis zum 01.04. noch erledigen wollten und priosieren. Was ist wirklich notwendig (Lebensmittel aussortieren, Matratzen aufstellen zum Lüften, Segel und Leinen sichern, Schiff abfendern – „Gummi Schutzkörper“ an den Rumpf Außenseiten anbringen -, lose Gegenstände, Sonnen- und Sitzliegen, etc. verstauen, Dinghy sichern, Klamotten Luft dicht verpacken…), was können wir uns erst einmal sparen (Komplett Reinigung, Backskisten – Staufächer – aufräumen, usw….).

Dann ist Action. Während wir in Schallgeschwindigkeit arbeiten, kommt ein Bekannter von uns vorbei und fängt an zu plaudern. Wir nehmen uns die Zeit, die wir nicht haben, erzählen ihm von unserer Situation (er hatte die Flughafenschließung noch nicht mitbekommen), wollen ihm die Pressemitteilung des Prime Ministers zeigen – und sehen, keine zwei Stunden nach der letzten Veröffentlichung, eine korrigierte Fassung. In dieser heißt es, dass der Flughafen nicht erst am, zum oder vor dem Wochenende schließt, sondern bereits morgen, Donnerstag, um 23:59 Uhr! Serious?

Die nächste Umbuchung

Zur Erinnerung – unser Flug nach Barbados sollte am Freitag Vormittag fliegen. Das kann doch nicht wahr sein. Der Bekannte ruft einen Kumpel mit guten Verbindung ins Tourismus Ministerium an. Es IST wahr! Parallel versuche ich, über die LIAT Hotline weitere Informationen zu bekommen und zu erfragen, ob es eventuell möglich ist, den Flug umzubuchen. Nach Auskunft der höchst kompetenten Mitarbeiterin wäre das zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich, das würde sich erst heute Abend nach 18 Uhr entscheiden. Ein bisschen spät für unseren Geschmacke.

Letzter Versuch – ein alter Schulfreund mit direktem Draht zur Lufthansa, vielleicht kann er rausfinden, ob unser ursprünglich gebucht Flug nächste Woche trotzdem geht, vielleicht hat Antigua ja nur für den offiziellen Linienverkehr geschlossen? Er gibt wirklich alles, aber mit ernüchterndem Resultat: unser gebuchter Flug Antigua – Barbados – Frankfurt ist in keinem System auffindbar! Super.

Bleibt also nur die aktuellste Pressemitteilung und die Aussage aus dem Tourismus Ministerium. Nach dieser schließt der Flughafen morgen um 23:59 Uhr. Und wir brauchen einen neuen Flug!

Die LIAT Homepage hat meine Suchanfrage noch im Speicher. Selbes Ziel, anderes Datum. Neuer Abflug: morgen, Donnerstag, 17:00 Uhr. In weniger als 24 Stunden müssen wir am Flughafen sein.

Die letzten Vorbereitungen

Ok, jetzt wird´s wirklich stressig. Während ich noch unsere Flüge (und ein weiteres Hotel/Airbnb) buche, gibt Peter schon Vollgas. Wir priorisieren noch mal kurz die Prioritäten und machen uns dann gemeinsam weiter an die Arbeit, jeder an seiner Baustelle und trotzdem Hand in Hand. Einer der Gründe, weshalb wir als Team so gut funktionieren. Keiner motzt, keiner lamentiert (Kölsch für „jammern“), es würde ja auch nichts nützen, wir müssen da jetzt durch und mit den neuen Umständen klar kommen. Bis die Dunkelheit über der Marina und Jo herein bricht.

Wir sind völlig platt, verschwitzt, aber trotzdem zufrieden mit dem, was wir in der Kürze der Zeit geschafft haben. Für heute reicht´s. Auf dem Steg stapeln sich zur Abholung zig Tragetaschen mit Konserven, Säften, Mehl & Hefe (jaja, hätten wir mal was mitgebracht), Pasta, Reis & Co für unseren Bekannten, dank dem wir überhaupt von der vorgezogenen Flughafenschließung erfahren haben.

Bei uns bleibt die Küche heute Abend sauber, wir gönnen uns ein ordentliches Stück Fleisch und ein paar Drinks an der „Corona-Bar“. Hier treffen wir noch einen Freund, mit dem wir in den nächsten Tagen gemütlich einen Grillabend verbringen wollten. Und plötzlich ist es für die nächsten Wochen (?) erst einmal unser letzter gemeinsamer Abend. Das haben wir uns alles anders vorgestellt. Aber unsere Vorstellung hätte auch niemals für eine Situation wie diese gereicht. Also machen wir das Beste draus. Morgen geht´s (Richtung) nach Haus.

 

26.03.2020, von Jolly Harbour Marina, Antigua nach Christchurch, Barbados: Abschied von Jo & Ankunft in Barbados

Heute schenken wir uns die morgendliche News-Routine, keine Zeit. Wir wissen ja, wo wir stehen, Hauptsache, Barbados verkündet nicht ebenfalls innerhalb der nächsten Stunden, den Flughafen zu schließen.

Wir geben noch mal Gas. Dann ist der Moment gekommen. Unsere Taschen stehen gepackt im Cockpit. An Klamotten haben wir nicht viel dabei, ein Aufgabegepäckstück reicht. Der Großteil bleibt hier, gut und doppelt verpackt, geschützt gegen Luftfeuchtigkeit und Viecher. In einer Woche haben wir ja wieder Auswahl aus dem Kleiderschrank. Im Gepäck aber – Klopapier! Wir haben gehört, das lässt sich in Deutschland zu Gold machen und nehmen sicherheitshalber mal ein paar Rollen mit. Außerdem dabei ein paar haltbare Lebensmittel (Müsliriegel, Cracker, usw.) und Schlafsäcke, in diesen Zeiten weiß ja keiner, was noch passiert.

Ich kann mich nicht trennen.

Finde noch zig Gründe, um an Bord zu bleiben. Haben wir die Sicherungen wirklich ausgemacht? Sollen wir das Moskitospray noch mal versprühen? Bist du dir sicher, dass alle Luken zu sind? Haben wir wirklich nichts vergesssen? … Es nützt nichts. Time to say goodbye. Jo, wir sehen uns wieder, sobald es möglich ist! Wir werden dich vermissen, doch du bist hier gut aufgehoben, aber wir müssen nun auch in einen sicheren Hafen.

Ein schneller Lunch bei unserem Lieblings-Griechen in der Marina. Auch ihm erzählen wir unsere Geschichte. Er ist verwundert, hat von der Flughafenschließung noch nichts mitbekommen. Er wird es die nächsten Tage (und Wochen) leider noch früh genug merken, denn auch Antigua wird von einem Lockdown nicht verschont bleiben. Mit Sheppy, dem coolsten und nettesten Taxifahrer der Insel, den wir schon ein paar Jahre kennen, geht es zum Flughafen. Für ihn sind die Auswirkungen schon deutlich spürbarer. Sheppy erzählt uns, dass das „Business seit Tagen down“ ist, er kaum mehr Fahrten hat, die Touristen ausbleiben, die Segler, die Parties. Wir versprechen ihm zum Abschied, dass wir uns auf jeden Fall bei ihm melden, sobald wir unseren Rückflug nach Antigua gebucht haben.

Flughafen Antigua

Am Flughafen, der normalerweise von morgens bis abends stark frequentiert ist, erwartet uns gähnende Leere. Kurz vor dem Check-In ziehen wir das erste Mal unsere Masken auf (die wir glücklicherweise noch von den Arbeiten am Schiff an Bord hatten). Ein komisches Gefühl. Wir sehen wenige andere mit Mundschutz. Übertreiben wir es vielleicht? Aber sicher ist sicher. Außerdem versuchen wir noch mal, den Stand zu unserem ursprünglich gebuchten Flug (dem zweiten) morgen zu erfragen. Als Antwort, ob dieser stattfindet, erhalten wir nur ein lapidares „we don´t know“. Keiner scheint in diesen Zeiten irgendwas Konkretes zu wissen.

Aber wir wissen, dass es wirklich stressig wird, wenn man eine Stunde vor Abflug (während wir noch in der Schlange der Sicherheitskontrolle stehen) namentlich ausgerufen wird zum Gate! Was ist denn jetzt wieder los? Haben wir etwa unseren Flug verpasst? Von unseren Mitbewohnerin, die gestern abgeflogen sind, wissen wir, dass deren Flug früher (!) als geplant los ging. Das können wir jetzt echt nicht gebrauchen und sprinten zum Gate los, sobald Laptop und Kindle wieder verstaut, Schuhe geschnürt sind und der Gürtel in der Hose ist. Das Gate ist komplett leer! Sind wir wirklich die letzten?

Wo sind denn alle?

Nein. Wir sind nur die einzigen Deutschen auf dem Flug. Und müssen ein drittes Mal erklären, wohin wir wollen, wie lang wir bleiben und wo wir uns vorher aufgehalten haben. Auch das ein komisches Gefühl. Waren wir Deutschen bisher doch immer die, die mit ihrem Pass die meisten Länder der Welt bereisen konnten. Plötzlich aber ist „Deutscher sein“ ein Makel. Zum Glück (in diesem Fall) beweisen die Stempel in unserem Reisepass, dass wir seit Monaten nicht mehr in der Heimat waren.

Nach einem gefühlt ewig dauerndem Telefonat zwischen Gate-Check-In Mitarbeiterin und Supervisor ist die Situation geklärt. Wir dürfen an Bord. Das Gate für´s Boarding wird in den nächsten 45 Minuten zwar noch 3 x geändert, was zu lustigen Laufbewegungen aller Reisenden quer durch den Abflugsterminal führt, aber am Ende ist alles gut. Wir betreten den Flieger nach Barbados und machen drei Kreuze, als dieser tatsächlich abhebt.

Auf nach Barbados

Einmal geht es noch über die türkisen Gewässer und vorbei an den uns so vertrauten Inseln. Guadeloupe, Dominica, Martinique, St. Lucia, St. Vincent & the Grenadines. Eine Stunde Flugzeit. Eine halbe Saison, vier Monate, die wir hier verbracht haben. Jetzt rauscht es einfach an uns vorbei. Ungeplant, unerwartet, irgendwie traurig.
Beim Landeanflug auf Barbados können wir aber zumindest die Frage beantworten, was aus den Kreuzfahrtschiffen geworden ist, die andere Inseln nicht mehr ansteuern durften. Die liegen hier, vor Barbados, vor Anker. Mindestens zehn Stück sehen wir, AIDA, Mein Schiff und wie sie alle heißen. Uns macht das etwas Hoffnung. Denn die können ja nicht alle verweist sein, und wo noch Menschen an Bord sind, ist auch noch Leben an Land.

Von wegen. Schon am Flughafen erwartet uns für Barbados Verhältnisse relative Ruhe. Immerhin erwischen wir noch ein Taxi, das uns zu unserem Airbnb in Christchurch bringt. Christchurch ist normalerweise die Touri Hochburg. Aber in diesen Tagen ist anscheinend nichts mehr normal.

Ankunft im Airbnb

Ca. 19 Uhr. Totenstille. Außer einem Rudel Katzen, das sich vor unserer Appartement Tür tummelt. Unser Appartement, das sich in einem dunklen, wenn auch gut gesicherten, Hinterhof befindet und nicht abschließbar ist. Na toll. Der Plan war, Sachen abstellen, Duschen, eine Bar und Nahrung finden. Aber unsere Klamotten, Laptops, sonstige Wertsachen in einer Gegend, die wir nicht kennen, einfach so stehen lassen? Das wollen wir nicht. Genauso wenig dass einer von uns (Peter) alleine los geht, um die Nachbarschaft zu erkunden.

Nach einigem Whatsapp Hin- und Her mit dem Gastgeber (der nicht vor Ort ist) und selbständiger Erkundung der Nachbar-Appartements (die alle leer stehen) findet sich eine Lösung. Wir ziehen einfach ein Stockwerk höher in ein Appartement, das frisch geputzt ist und in dem der Schlüssel wie angekündigt auf dem Tisch liegt. Geht doch.

Unsere Nachbarschaft

Übermüdet, aber froh, hier zu sein, können wir dann doch noch gemeinsam los gehen und finden nach ein paar Minuten Fußmarsch durch verlassene Gassen eine Bar. Diese hat nicht nur 24-7 rund um die Uhr geöffnet, sondern auch noch Nahrung (Shepherd´s Pie, angeblich das beste Essen auf der Karte… es ist das einzige verfügbare…), kaltes Bier und eine sehr nette Bedienung („Youtina“, wie auch immer man das schreibt, ich hab´s mir gemerkt mit „You“ & „Tina“), die in den nächsten Tagen noch zu unser besten Freundin werden soll.

Trotz aller Strapazen des Tages – als wir am Ende des Abends auf unserer Appartement Terrasse sitzen, ein letztes kaltes Bier in der Hand, von der Katzenschar umgeben, sind wir einfach nur erleichtert, hier zu sein. Der erste Schritt nach Hause ist geschafft. „alles richtig gemacht“.

27.03.2020, Christchurch, Barbados: Umzug und Ausgangssperre

Irgendwie hat es auch was, in einem ganz normalen Bett aufzuwachen, das erste Mal nach sechs Monaten. So sehr ich das Leben auf dem Schiff liebe, aber – es ist schon angenehm, die Luken (Fenster) nicht schließen zu müssen, wenn es regnet, einfach die Klospülung mit ein Mal pressen zu betätigen (statt 3 x 10 Sekunden gedrückt zu halten), Minuten lang unter der Dusche zu stehen mit fließend heißem Strahl (statt Wasser sparen im Hinterkopf, während ich auf der Badeplattform stehe) oder sich im Bett einfach noch mal umdrehen zu können (ohne Termine oder Geräusche).

All das mache ich, während Peter, nun im Hellen, fit und guter Dinge, die Gegend erkundet und mit Donuts und Cappuccino zurück kommt. Trotzdem ist klar, hier wollen wir nicht länger als nötig bleiben, denn immerhin wartet auf uns um die Ecke ein Hotel mit Haus eigenem Pool. Punkt 12:00 Uhr ziehen wir um, auch wenn unser Zimmer erst ab 14:00 Uhr bezugsbereit ist. Wir haben die Unterkünfte so gewählt, dass wir nur fünf Minuten zu Fuß laufen müssen.

Trotzdem kommen wir in diesen fünf Minuten an mindestens vier Hotels vorbei, die komplett verweist aussehen. Nur im Sandel´s, der Honey Moon Hotelkette, ist noch Leben. Wie sich rausstellt, das einzige (und letzte) Mal in diesen Tagen. Das Hotel hat für die Gäste bereits geschlossen. Heute findet „nur“ noch die Essensausgabe statt, bei der Mitarbeiter und Angehörige aus den Vorräten der Küche Lunchpakete erhalten. Eine tolle Geste. Trotzdem komisch. Gibt es hier überhaupt noch Touristen?

Unser Hotel

In unserem Hotel angekommen stellen wir fest, ja, gibt es. Drei, um genau zu sein. Eine Mutter mit ihren Töchten. Und wir beide. Immerhin. Essen gibt es auch. Laut Aushang zwar nur per Take-away in Boxen, aber mit den Boxen dürfen wir uns an die Tische vor der Ausgabetheke setzen, besser als die 50-Meter-Abstandsregel in Deutschland.

Am Abend ist uns trotzdem nach „richtig“ Essen gehen. Wir finden einen Laden, „Amigos“, in dem wir noch an der Theke sitzen dürfen, unser Essen auf Tellern serviert bekommen und in dem uns der Barkeeper verspricht, dass es in den nächsten Tagen so bleiben wird („as long as possible“). Hier sind wir zwar ebenfalls die einzigen Gäste, die Distanz zwischen Theke und uns könnte größer sein, aber der Barkeeper ist super freundlich, Sanitizer (Desinfektionsmittel) gibt´s auch, das passt schon.

Ausgangssperre

Bis wir zurück auf der Terrasse unseres Hotels sitzen, aus Gewohnheit am Abend die News lesen und erfahren – ab morgen gibt es auch auf Barbados eine Ausgangssperre! Zwischen 8:00 Uhr abends und 6:00 Uhr morgens ist es nur Menschen, die in System relevaten Berufen arbeiten, erlaubt, unterwegs zu sein. Allen anderen, die grundlos innerhab dieses Zeitraums auf der Straße erwischt werden, droht eine Geldstrafe. Das kann doch nicht wahr sein. Vom Regen in die Traufe? Immerhin gilt die Sperre nicht rund um die Uhr. In der Karibik wird es außerdem ohnhein um 18:00/18:30 Uhr dunkel. Dann essen wir halt früher und sind eher zu Hause. Wir fragen uns nur, was unsere 24-7-Freundin Youtina machen? Oder unser Amigo von „Amigos“? Wir sind gespannt…

 

28.03.2020: auf Flightradar ist noch Bewegung

Und täglich grüßt das Murmeltier. Wir nehmen unsere News-Routine am Morgen wieder auf, nur mit veränderten Variablen. Die Situation auf Antigua rückt für den Moment in den Hintergrund. Ab jetzt konzentrieren wir uns auf Barbados und die Entwicklungen hier im Land, am Boden und in der Luft. Speziell in der Luft. Flightradar wird unsere meist besuchte Seite am Tag. Denn hier lässt sich der gesamte weltweite Flugverkehr und Luftraum beobachten, ein- und ausgehende Maschinen, Start- und Zielflughäfen, Flugzeugtyp, Passier- oder Frachtmaschinen…

Die Flugbewegungen haben in den letzten Tagen deutlich abgenommen, der Luftraum ist wesentlich leerer geworden. Auf markanten Passagen, wo es sonst von kleinen gelben Flugzeugsymbolen in Bewegung wimmelte, erscheint jetzt ein großer blauer freier Fleck. Auch auf der Atlantikroute, die uns besonders interessiert. Wir wissen, dass momentan keine deutschen Maschinen am Flughafen Barbados stehen. Wenn wir aber am 01.04., in vier Tagen, wie geplant mit Lufthansa von hier zurück fliegen wollen, sollte es irgendwann innerhalb der nächsten drei Tage ein Flieger von Deutschland nach Barbados schaffen. Mit dem geht es dann für uns Retour. So beobachten wir also Stunde um Stunde die kleinen gelben Flieger (und schütteln nebenbei verständnislos den Kopf beim Blick auf den amerikanischen Luftraum, wo nach wie vor ein Betrieb wie im Ameisenbau herrscht).

Geister-Sperrstunde

Während wir ein letztes Mal bei Youtina an einem richtigen Tisch, von Tellern und mit Messer & Gabel essen dürfen, verteilt das Hotel vor den Türen all der vielen verbliebenen Gäste (fünf mit uns) ein Rundschreiben zur Ausgangssperre. Nebenbei findet sich in dem Schreiben auch der Hinweis, dass versucht wird, den Service so lang wie möglich aufrecht zu erhalten und das Hotel so lang wie nötig geöffnet, dass es jedoch täglich zu Änderungen kommen kann. Wollen die uns etwa raus schmeißen? Verlockende Aussichten. Erst recht als abends die Sperrstunde das erste Mal in Kraft tritt, wir in kompletter Stille auf unserer Terrasse sitzen, mit Blick auf die dunkle Hauptstraße, in der sonst das Leben und die Touris toben, die Stille nur ab und zu unterbrochen von einem gackernden Huhn oder der Polizeistreife, die ihre Runden fährt. Schon irgendwie ein leicht beklemmendes Gefühl.

News aus Antigua

Zum Abendessen gibt´s nur noch Brotzeit (aus den vom Schiff geretteten Vorräten). Dabei erfahren wir, dass Antigua seit gestern für alle Schiffe, die in das Land rein wollen, geschlossen ist. Wer seit heute von Wasserseite versucht, das Land zu betreten, wird höflich aber bestimmt von der Küstenwache gebeten, dieses wieder zu verlassen.

Auch Bars und Restaurants auf der Insel allgemein und in der Marina speziell sind seit gestern geschlossen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie das Leben dort für diejenigen, die auf ihren Schiffen geblieben sind, nun sein muss. Ziemlich deprimierend wahrscheinlich. Denn eine Marina lebt normalerweise von ihren Bars, den Gesprächen und Begegnungen am Abend, den Restaurantbesuchen, Konzerten und Karaokenächten. Damit ist jetzt erst einmal für unbestimmte Zeit Pause. Und die Stimmung am Abend wahrscheinlich ähnlich beklemmend wie hier. Wieder einmal sagen wir uns, „alles richtig gemacht“, denn wenn der Plan aufgeht, sind wir hier in ein paar Tagen weg. Hoffentlich.

 

29.03.2020: man muss sich nur zu helfen wissen

Guten Morgen, Geisterstadt. Auf Flightradar über dem Atlantik ist genauso wenig los wie in den Straßen von Christchurch. Es gibt noch ein paar Flüge über den Atlantik, in beide Richtungen, aber keiner hat Barbados als Ziel. Wir sind entspannt (noch) und kümmern uns erst einmal um die Prioritäten. Nahrungsaufnahme.  Wir müssen erfinderisch werden. Das Hotel-take-away-Restaurant hat seit heute komplett geschlossen, die Rolläden sind verriegelt, die Tische weggeräumt. Auch die Mutter mit ihren Töchtern ist abgereist, wir sind die letzten beiden verbliebenen Gäste, ein echt seltsames Gefühl.

Aber Jahre lange Camper-, Segler- und Pfadfinder-Erfahrung hilft in so einer Situation. Im Supermarkt ums Eck decken wir uns mit dem Notwendigsten ein und überlegen dabei auch, was eventuell länger haltbar ist, was wir ohne Küchenutensilien zubereiten können und was dabei noch satt macht. Haferflocken haben wir portioniert dabei, fehlt nur noch Milch (für 12,- USD die kostbarste überhaupt, ordentliche Touri Preise hier) . Dosennahrung, die wir nicht erhitzen müssen (Thunfisch, Mais…); zum Öffnen hat mein MacSchneider zum Glück seinen Leather Man dabei. Instant Suppen, die wir zur Not in der Kaffeemaschine erhitzen können. Eine Packung Eier, die sind zwar roh, aber hier finden wir eine Lösung.

It´s no problem, just a situation.

Das hat uns vor Jahren mal ein Marinamitarbeiter gesagt, und es hat sich eingebrannt. Die Lösung sieht dann so aus, dass wir mittags bei Youtina ein Lunchpaket abholen („take-away only“ natürlich) und, während wir noch auf den frisch zubereiteten Möhrenkuchen warten, uns die Eier hart kochen lassen. Sehr nett. Geht doch. Wir werden auf jeden Fall nicht verhungern.

So vergeht der Tag, die Stimmung ist den Umständen entsprechend gut, bis zum Abend. Ein Vorbote auf den nächsten Tag. Wie immer tauschen wir uns aus zum Stand der Dinge, den Infos, die uns vorliegen, den Bewegungen auf Flightradar, der Wahrscheinlichkeit, dass unser Flieger am Mittwoch von Barbados starten und in Frankfurt landen wird… Wir sind beide von Grund auf optimistisch denkende Menschen, bisher ist alles gut gegangen, dann wird auch das noch klappen, die Lufthansa ist nicht irgendein Inselhüpfer, sondern ein alt eingesessenes, verlässliches Unternehmen, wir haben außerdem eine bestätigte Buchung, was soll schon schief gehen? So reden wir es uns ein.

Eine kleine Krise

Aber irgendwie zehren die Erlebnisse und Entwicklungen der letzten Tage doch langsam an unseren Nerven, die ersten Zweifel schleichen sich ein. Denn auch unsere Freunde (Mitbewohner auf Zeit) hätten ja vor ein paar Tagen dieselbe Verbindung gehabt. Bei ihnen hat der Flug jedoch nie stattgefunden, das sollten wir vielleicht noch erwähnen. Sie mussten stattdessen zwei Nächte auf Barbados verbringen und dann für viel Geld einen neuen Flug buchen, über London nach Frankfurt. Was wenn uns das auch passiert? Sollen wir dann nicht lieber jetzt schon umbuchen, solange es noch möglich ist? Aber umbuchen auf was denn? Kiwi, das Reiseportal, ist mal wieder keine große Hilfe und glänzt nur durch Nicht-Erreichbarkeit.

Flightradar, Condor, Lufthansa, momondo, opodo.de, Flughafen Frankfurt, Flughafen Barbados… wir lassen nichts unversucht, um irgendwie an valide Informationen zu kommen. Und entdecken dabei auch, dass in ein paar Tagen wieder Flüge gebucht werden können von Barbados nach Frankfurt. Na also. Das deckt sich mit der Aussage, die wir aus zwei verschiedenen Quellen haben, dass die Lufthansa ihre neue Flugplanungen aktuell immer nur sehr kurzfristig und für wenige Tage im Voraus einstellt.

Also wird morgen wahrscheinlich von Frankfurt ein Flieger nach Barbados starten, mit dem wir dann am Mittwoch nach Hause fliegen. Kurze Krise abgewehrt, der Optimismus hat wieder Oberhand (selbst als besagte Flüge eine Stunde später nicht mehr angezeigt werden, aber bestimmt, weil sie direkt gebucht wurden… so glauben wir). Wir machen uns einen schönen Abend auf der Terrasse, teilen unser Bier mit dem einzigen sichtbaren Hotelmitarbeiter, der im Dunkeln am Abend alle Pflanzen wässern muss und finden es plötzlich gar nicht mehr so komisch hier.

30.03.2020: die Krise und ihre Konsequenz

Der Optimismus hat es leider nicht durch die Nacht geschafft. Ich habe kaum die Augen auf, will grad zu meinem Handy greifen, erst mal langsam Kopf und Körper hochfahren. „Baby, bist du wach?“. Och nö, nicht jetzt schon, bitte. Aber ich höre an Peters Stimme, dass irgendwas nicht stimmt. Und ich weiß, dass er mich schlafen und in Ruhe lassen würde, wenn er nicht einen guten Grund hätte, mich zu wecken. Also dann… was ist los?

Krise und Zweifel sind zurück, mit geballter Wucht. Peter ist seit Stunden wach, hat schon alle einschlägigen Seiten durchforstet, und auch die Nachrichten aus der Heimat sind nicht gerade förderlich. Unser für Mittwoch geplanter Flug taucht in keinem System mehr auf, weder bei der Lufthansa, noch auf irgendwelchen Buchungsseiten oder Statusanzeigen der Flughäfen. Auf Flightradar ist nach wie vor keine (für uns relevante) Bewegung zu sehen. Die Sorge steigt, dass wir hier am Mittwoch nicht weg kommen. Peters Anspannungslevel ist ähnlich hoch wie mein Bedürfnis nach Schlaf und Koffein. Schlechte Kombination, wenn der eine dringend handeln will und die andere am liebsten die Decke über´n Kopf ziehen und das Wort „Flug“ aus dem Wortschatz streichen.

Ich brauch fünf Minuten, muss kurz vor die Tür. Ich bin einfach kein Morgenmensch, will doch nur in Ruhe wach werden.

Eine weitere Entscheidung

Aber in den fünf Minuten wird mir auch ganz schnell klar, dass es hier nicht um mich geht, sondern um uns. Wir sind ein Team. Wir haben schon so viel zusammen geschafft, alle Entscheidungen gemeinsam getroffen, wir lassen uns doch von keiner Corona-Kiwi-F***-Krise klein kriegen.

Also dann, wieder rein, meinem MacSchneider einen guten Morgen wünsche, feste drücken, küssen, jetzt wird alles gut. Wir machen das, was wir gut können. Risikobewertung und Pläne machen!

Für uns relevanten News: Unser Flug ist in keinem System vorhanden. Weder Lufthansa- noch Kiwi-Hotline sind erreichbar. Dieselbe Verbindung wie unsere hat vor ein paar Tagen nicht stattgefunden (ohne Vorankündigung). Auf Flightradar ist kein Flieger Richtung Barbados sichtbar.

Bewertung: Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit, dass unser Flieger nach Hause nicht wie geplant startet, mittlerweile auf 99% (von ursprünglich 20% über 50%…). Wir wollen aber nach Hause, mehr als je zuvor. Wir wissen nicht, wie sich die Situation in Barbados noch entwickelt, wann mit Hilfe vom Auswärtigen Amt zu rechnen ist, wann sie uns nach Deutschland holen würden, wie lange wir hier eventuell noch bleiben müssten, ohne gescheite Versorgungsmöglichkeiten, eventuell ohne eine Unterkunft, und das alles für einen Flug, den wir im Nachhinein selbst zahlen müssten. Das sieht gerade alles nicht gut und vielversprechend aus.

Konsequenz: Wir buchen einen neuen Flug, raus hier!

Kontakt zu Botschaft und Honoralkonsul

Vorab und um es zumindest versucht zu haben, kontaktieren wir trotzdem noch die für Barbados zuständige Botschafterin in Trinidad & Tobago sowie den deutschen Honorarkonsul in Barbados. Vielleicht wissen die ja mehr, können uns beruhigen oder einen Rat geben. Die Botschafterin und ihr Team reagiert kompetent und schnell wie immer, wenn auch mit der Aussage, dass sie nach aktuellem Stand noch keine neuen Informationen haben, die Rückholaktion für die östliche Karibik aber voraussichtlich nächste Woche starten wird. Der Herr Honorarkonsul hingegen antwortet einfach nur lapidar mit Aussagen, die wahrscheinlich einer „copy & paste“ Vorlage entstammen und ist keine Hilfe. Dabei hatten wir uns gerade von ihm zumindest eine Einschätzung der Lage vor Ort in Barbados erhofft, auch bezüglich Hotelverfügbarkeiten, Sicherheit, etc.

Nun gut. Ein Versuch war es wert, damit steht unsere Entscheidung fest. Brauchen wir „nur“ noch einen Flug. Es gibt in den nächsten Tagen genau drei Möglichkeiten – Möglichkeit eins bezahlbar, aber über New York, Möglichkeit zwei über London, aber unbezahlbar, Möglichkeit drei über Kanada und bezahlbar. Da wir weder über die USA fliegen noch den Preis eines Erste Klasse Tickets zahlen wollen, bleibt nur Möglichkeit drei.

Für die Einreise nach Kanada benötigen wir aber, selbst wenn es nur im Transit ist, ein sogenanntes ETA Visum. Das lässt sich zum Glück relativ schnell online beantragen. Wenn man Glück hat. Ich hatte meine Bestätigung innerhalb von Minuten im Postfach. Bei Peters haben sie uns eine Stunde zappeln lassen (na klar, macht nix, wir sitzen hier ja ganz entspannt…), aber auch bei ihm hieß es: „Your application for an Electronic Travel Authorization (eTA) has been approved. You are now authorized to travel to Canada by air.“

Flugbuchung

YES! Jetzt nur noch schnell den Flug buchen. Während des Buchungsvorgangs noch mal ein kurzer Krisenmoment, dieses Mal bei mir. „Buchungsvorgang kann nicht abgeschlossen werden“… wie jetzt?? Arrrgh, karibisches Internet. Neuer Versuch. „Nur noch wenige Plätze verfügbar.“ Die, die ich reservieren wollte, sind schon weg. Ich werd wahnsinnig. Mach kein Mist jetzt, ich will nach Hause. Ganz ruhig, Konzentration. Kreditkarten Nummer eingeben, Buchungsdetails überprüfen, „absenden“, „Buchungsvorgang nicht unterbrechen“… Und dann ist es geschafft!

„Vielen Dank für Ihre Buchung mit AirCanada!“. Halleluja! Wir kommen nach Hause! Und zwar morgen!! Zumindest ist dann der Abflug, aber mal wieder müssen wir sagen „hoffentlich“. Zu viel haben wir in den letzten Tagen erlebt, um einfach davon auszugehen, dass schon alles so klappen wird wie gebucht und geplant. Doch die Krise hat nun keine Chance mehr. Auch wenn es der vierte Flug insgesamt war, um hier raus zu kommen, keiner uns sagen kann, ob wir das Geld von den Airlines jemals wiedersehen werden und unser Glaube an unsere eigenen Stärken, Zuversicht und Optimismus kurzzeitig auf eine harte Probe gestellt wurde – nun überwiegt eindeutig die Freude um das Wissen (oder die Hoffnung), dass es Heim geht!

Das feiern wir natürlich gebührend, die Reste müssen ja schließlich weg. Ach, und beim Spaziergang zum fast Menschen leeren Strand (damit wir den wenigstens einmal von Landseite aus gesehen haben) treffen wir doch tatsächlich ein bekanntes Gesicht. Ein ehemaliger Mitsegler, der vor vier Jahren mit uns von Antigua nach Barbuda und zurück gesegelt ist. Und der morgen mit seiner Freundin auf demselben Flieger sitzt wie wir (ein gutes Zeichen…). Verrückte kleine Welt.

 

31.03.2020, Christchurch, Barbados – Toronto, Kanada: Flucht mit dem letzten Flug

Auch wenn unser Flug (jetzt mag ich das Wort wieder) erst am Nachmittag starten soll, wollen wir nun keine Zeit mehr verschwenden und stehen um 11:00 Uhr Abreise bereit vor der Hotelrezeption (Toilettenpapier, Instant-Suppe und hartgekochte Eier im Gepäck). Unsere Reservierung haben wir bis morgen einschließlich und sagen der Rezeptionistin daher, dass wir eventuell (hoffentlich nicht) am Nachmittag wiederkommen. Sollten wir bis 17:00 Uhr nicht zurück sein, werden wir das Zimmer nicht mehr benötigen. Wir sind uns sicher, dass Punkt 17:00 Uhr das Hotel alle Türen und Pforten schließen wird. Die Saison ist beendet, die letzten Gäste verlasssen Christchurch (oder wohl eher „Gostchurch“).

Für Barbados ein harter Schlag, wie für so viele andere karibischen Inseln. Sie leben alle hauptsächlich vom Tourismus, die Saison ist unter normalen Umständen schon kurz, egal ob für Hotelbesitzer, Segler, Charterfirmen, Zulieferer, Souvenirläden an den Kreuzfahrer Piers, Reggae Hütten, Lobster BBQs und Barbetreiber… Auch wir werden uns in den nächsten Tagen und Wochen noch fragen müssen, wie und wann es mit Sail & Chill weiter geht, weiter gehen kann. Aber im Moment fragen wir uns einfach nur, ob unser Flieger in ein paar Stunden startet.

Fliegen oder nicht?

Am Flughafen angekommen geht unser Blick natürlich als Erstes zur Anzeigetafel mit den Abflügen – und wir sehen von Weitem nur rot/cancelled. Das kann doch nicht wahr sein. Bitte nicht, wir sind so kurz davor. Beim Näherkommen tauchen genau zwei Flüge auf, die planmäßig starten sollen – einer davon über Kanada/Toronto! UNSER Flug! Wir verschwenden keine Zeit, checken ein und halten dann tatsächlich unsere Bordkarten in der Hand. Ein gutes Zeichen, ein sehr gutes Zeichen. Aber wir glauben´s erst, wenn wir wirklich in der Maschine sitzen.

Ein paar Stunden später ist es wirklich soweit. Wir verlassen mit dem letzten offiziellen Flug Barbados und die Karibik! Zitat des Piloten: „This is gonna be the last flight for a while…“.

Barbados schließt ab morgen wie so viele andere Länder es bereits getan haben den Flughafen für internationale Verbindungen. Unseren ursprünglich gebuchten Flug mit Lufthansa wird es auf keiner Anzeigetafel geben. Bis zum heutigen Tag warten wir noch auf die Information sowohl von Airline als auch Kiwi, dass der Flug gecancelt wurde. Aber in dem Moment, als die Maschine beschleunigt, die Schnauze gen Himmel zielt und unter uns noch einmal das türkise karibische Meer auftaucht, ist mir das egal. Wir kommen nach Hause, jetzt wird alles gut, jetzt ist alles gut!

 

Komische Stimmung an Bord

Wenn auch die Stimmung an Bord nicht ganz so ausgelassen ist. Für die Wenigsten ist das hier eine Vergnügungsreise, Urlaub, langfristig geplant. Es ist einfach die letzte Möglichkeit, Barbados zu verlassen. Gleichzeitig bekommen wir einen Vorgeschmack auf die Konsequenzen, die Corona jetzt schon nach sich zieht. Einen Bordservice gibt es nur limitiert, damit die Crew möglichst wenig Kontakte zu den Passagieren hat. Der Service beschränkt sich auf die Verteilung von Wasser (kein Essen, macht nichts, wir haben ja zum Glück noch unsere hart gekochten Eier) und das Einsammeln von Müll. Natürlich alles mit Handschuhen und Maske. Ich habe einen riesen Respekt vor den Crewmitgliedern, überhaupt vor jeglichem fliegenden Personal, die trotzdem noch unter extremen Bedingungen ihrem Job nachgehen.

Auch wir tragen Handschuhe und Masken, auch das ein mulmiges Gefühl und Vorgeschmack. Nun muss ich an all das medizinische Personal denken, für die das alltägliche Grundausrüstung ist. Da muss sich keiner beschweren, das Ding einfach mal ein paar Stunden im Flieger oder einen Moment beim Einkaufen zu tragen.

Trotzdem sind wir froh, in Toronto zu landen. Raus aus dem Flieger, der Enge, den vielen Menschen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass wir uns hier infizieren, denn schließlich kommen ja die meisten Mitreisenden aus einem Land mit wenig bis keinen Infektionen und begeben sich paradoxer Weise in ein schwerer betroffenes. Aber gesunder Menschenverstand (oder in dem Fall Abstand) hat noch keinem geschadet.

Toronto Airport

Abstand bekommen wir von anderen Fluggästen übrigens mehr als genug. Unser Ankunftsterminal in Toronto-Pearson (der größte Flughafen Kanadas) ist leer, komplett leer. Total surreal. Wir fühlen uns ein bisschen wie Tom Hanks in „Terminal“, der Film, in dem Hanks einen Gestrandeten spielt, der auf Grund bürokratischer Hindernisse über Monate im Flughafen ausharren und leben muss. Riesige Wartebereiche ohne Menschen. Alle Geschäfte und Restaurants geschlossen. Die hochmodernen Arbeitsbereiche sind verlassen. Keine Reinigungskräfte, kein Sicherheitspersonal, überhaupt keine Mitarbeiter sind zu sehen.

Uns (und unsere Mitreisenden) erwartet nur am Ende des Terminals ein kleines Buffet mit Sandwiches und Wasser. Das ist nett, denn immerhin müssen wir hier 20 Stunden ausharren (Kanada hat seit gestern ebenfalls alle Grenzen zu, selbst für Personen, die schon über 14 Tage nicht mehr in Risikogebieten waren), und nur gekochte Eier wird auf Dauer auch langweilig.

Wir decken uns mit Vorrat ein, suchen uns eine ruhige Ecke und bauen unser Lager für die Nacht auf. Zum Glück hat Peter mich davon überzeugt, die Schlafsäcke vom Schiff mitzunehmen (als ich noch dachte, die wären doch viel zu warm für karibische Temperaturen in Barbados), so dass wir es einigermaßen bequem haben und sogar mit ein paar Stunden Schlaf durch die Nacht kommen.

01.04.2020, Toronto, Kanada – Frankfurt, Deutschland: ein Tag im Transit

Von wegen ruhige Ecke. Wir haben unser Lager ausgerechnet in der Nähe des Gates aufgebaut, das am Morgen den einzigen Flug, der heute Vormittag stattfindet, abfertigt. Um uns rum eine Schulklassen-Horde von Peruanern, die alle lautstark vor Abflug noch mal ins Handy schreien. „¡Buenos días, Toronto!“

Wir fühlen uns trotzdem gut, ausgeruht und sind fröhlich. Aus der Hoffnung, dass es nun wirklich nach Hause geht, ist eine 99%ige Überzeugung geworden. Seit gestern Abend haben wir schon unsere Boarding Pässe für den Weiterflug. Mit Tageslicht machen außerdem zumindest ein paar der Geschäfte und Restaurants im Transit Bereich wieder auf. Wir haben Kaffee, noch genug Sandwiches von gestern Nacht und gönnen uns zum Mittag einen ordentlichen amerikanisch-kanadischen Burger. Und ehrlich gesagt tut es auch gut, am Morgen zum Aufwachen nicht als Erstes die Nachrichten zu lesen, Flüge zu checken und Informationen sammeln und mit diesen Entscheidungen treffen zu müssen.

Die Karibik im Lockdown Modus

Die News erreichen uns auch, ohne dass wir aktiv danach suchen. Von unserem Freund aus Grenada, mit dessen Nachricht vor 2,5 Wochen alles begann (siehe 11.03.), erfahren wir, dass die Insel mittlerweile in komplettem Lockdown-Modus ist. 24-7. Komplette Ausgangssperre. Erlaubt ist nur zwei Mal die Woche der Gang zum Supermarkt, das war´s.

Aus Saint Lucia – dasselbe. 24-Stunden-rund-um-die-Uhr-Lockdown. Unser Freund und Quelle vor Ort hat das Glück, dass seine Frau einen Passierschein besitzt. Dieser ist Auto statt Personen gebunden, so dass er immerhin bei Bedarf mal eine Runde fahren kann. Ansonsten spielt sich das Leben in den eigenen vier Wänden, Gärten, Hinterhöfen ab.

Und dann vermeldet Barbados noch, dass seit heute eine 14tägige Quarantäne gilt für alle, unabhängig der Nationalität, die ins Land einreisen.

Wir können es kaum glauben. Es fühlt sich an, als hätten hinter uns alle Länder ihre Grenzen nach und nach dicht gemacht. Als wären wir mit all diesen Maßnahmen vertrieben worden, von Saint Marten, wo wir nie ankamen, raus aus Antigua, weiter nach Barbados, über Kanada…  Wir sind einfach nur glücklich und froh, dass wir es rechtzeitig raus geschafft haben. Was wird uns in Deutschland erwarten? Ganz egal was – es kann nur besser sein. In ein paar Stunden wissen wir mehr.

Um 16:50 Uhr heißt es „ready for take off“ für den Flug AC 872, Toronto YYZ nach Frankfurt FRA. „All doors are closed.“ Anschnallen, Sitze hochstellen, Tische einklappen – Masken aufsetzen. Es geht los. Ab nach Hause (sogar mit Essen).

 

02.04.2020, Frankfurt – Köln, Deutschland: Home is where the Dom is!

Um Punkt 06:00 Uhr betreten wir das erste Mal nach sieben Monaten wieder deutschen Boden. Noch nie hab ich es am Frankfurter Flughafen so schnell aus der Maschine, zum Gepäckband und aus der Ankunftshalle vor die Tür geschafft. Keine zehn Minuten, und wir stehen draußen. Unglaublich. Irgendwie surreal. Dass wir plötzlich hier sind, aber auch die Stimmung rund um den Flughafen. Wo sich normalerweise auch um die Uhrzeit schon die Menschen tummeln, Geschäftsreisende zum Gate hetzen, Familien ihre Liebsten in Empfang nehmen, Taxifahrer in der Schlange stehen und auf Kundschaft warten, Berufspendler mit dem ICE am Fernbahnhof ankommen, herrscht heute Ruhe.

Wir verschwenden keine Zeit, Endspurt, besagter Fernbahnhof, ICE, ab nach Kölle. Auch hier – kaum Menschen unterwegs. Ein paar Obdachlose liegen in dreckigen, zerfetzten Klamotten auf und unter den Sitzbänken, ein Anblick, der traurig macht. Was passiert mit ihnen? Wer kümmert sich jetzt in diesen Tagen um sie? Wie soll „Social Distancing“ hier sinnvoll funktionieren, wer schützt die Ärmsten der Armen? Fragen, die ich mir aber leider nur kurz stelle, wir eilen an ihnen vorbei, wollen uns nun erst einmal selber schützen und in die eigenen vertrauten vier Wände. Nicht ohne unseren üblichen Ersteinkauf beim Bahnhofs-Supermarkt (wo der Liter Milch nur ein Zehntel des Preises in Barbados beträgt) und danach den direkten Gang zum Hauptausgang…

Home is where the Dom is

… für unser obligatorisches Ankunfts Selfie vor dem Kölner Dom! Home is where the Dom is! (oder auch auf Kölsch wie von Kasalla besungen „Home es wo d´r Dom es„) Jetzt sind wir wirklich zu Hause. Mir kommen die Tränen, vor Glück, Erleichterung, Freude. Ich weine auch ein bisschen um das, was wir zurück lassen mussten, Jo, die unvollendete Saison, ein Leben auf dem Wasser. Und trotzdem überwiegen die Freudentränen eindeutig. Wir haben es geschafft, wir sind zu Hause. Die Flucht aus der Karibik und die damit verbundene Odysee hat (nach einer kurzen letzten Taxifahrt zur Wohnungstür) ein Ende.

22 Tage sind erst vergangen seit der Nachricht unseres Freundes, dass Grenada keine Deutschen mehr ins Land fliegen lässt.
Tage, in denen sich das Leben nicht nur für uns, sondern für Millionen von Menschen schlagartig und auf eine noch nie dagewesene Art und Weise verändert hat.
Tage, die geprägt waren von Informationsüberflutung, Entscheidungen, die wir treffen mussten und Konsequenzen, die sich daraus ergaben.

Wie es weiter geht

Kein Mensch weiß, wie viele Tage (Monate, Jahre…) es dauern wird, bis die Welt wieder Ansatz weise zur Normalität zurück kehren wird. Wir wissen nicht, wann wir wieder zum Schiff dürfen, zurück aufs Wasser, die Segel wieder hissen. Aber das ist jetzt in diesem Moment auch nicht wichtig. Jetzt zählt nur, wieder zu Hause zu sein. Das Bett wartet, wir haben „etwas“ Schlaf-Nachholbedarf. Vorher überfliegen wir noch kurz den aktuellen Landsleute-Brief des Auswärtigen Amtes und der Botschafterin. Die Rückholaktion für die östliche Karibik startet tatsächlich erst nächste Woche. Eine Woche länger, die wir auf Barbados hätten verbringen müssen (wo es zwischenzeitlich vor den Supermärkten so aussieht: Barbados Supermarkt), zwischen Ungewissheit und mittlerweile ebenfalls 24-7-Lockdown. Und so denken wir uns noch beim Einschlafen, „alles richtig gemacht“.

Wie es weiter geht… das können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber klar ist, DASS es weiter geht, mit Sail & Chill, mit einem Leben nach Corona, und mit einer Zukunft, in der es hoffentlich bald wieder möglich ist, die Familien in die Arme zu nehmen, Freundinnen zum Kaffeeklatsch zu treffen, mit den Kumpeln gemütlich im Biergarten zusammen zu hocken, ohne Einschränkungen zu reisen, die Weltmeere zu besegeln und das Leben dann umso bewusster zu genießen.

Sobald wir einen neuen Plan haben, halten wir euch natürlich auf dem Laufenden!
Bis dahin: THINK POSITIVE, STAY NEGATIVE (and at home)!

Kurzüberblick

11.03.2020, Jacques Cousteau Nationalpark, Guadeloupe: Corona erreicht die Karibik

12.03.2020, Guadeloupe – Falmouth Harbour, Antigua: bloß schnell einklarieren

13.03.2020, Falmouth Harbour, Antigua: Skippers Geburtstag (das Drama nimmt seinen Lauf)

14.03.2020, von Falmouth nach Jolly Harbour, Antigua: Leinen fest in der Marina

15.03.2020, Jolly Harbour Marina, Antigua: Abschied von der Crew & Provisionierung

16.03.2020: der erste Tag allein zu zweit

17.03.2020: das Auswärtige Amt kommt ins Spiel

18.03.2020: WG auf Zeit und neue Verbote

19.03.2020: es spitzt sich zu, Registrierung bei Elefand

20.03.2020: wir buchen einen Rückflug

21.03.2020: ein entspannter Tag

22.03.2020: die Häfen schließen

23.03.2020: Abschied auf Raten

24.03.2020: Landsleutebrief

25.03.2020: es wird hektisch

26.03.2020, von Jolly Harbour Marina, Antigua nach Christchurch, Barbados: Abschied von Jo & Ankunft in Barbados

27.03.2020, Christchurch, Barbados: Umzug und Ausgangssperre

28.03.2020:  auf Flightradar ist noch Bewegung

29.03.2020: man muss sich nur zu helfen wissen

30.03.2020: die Krise ist zurück und ihre Konsequenz

31.03.2020, Christchurch, Barbados – Toronto, Kanada: Flucht mit dem letzten Flug

01.04.2020, Toronto, Kanada – Frankfurt, Deutschland: ein Tag im Transit

02.04.2020, Frankfurt – Köln, Deutschland: Home is where the Dom is!

 

* der Einfachheit halber statt „SARS CoV-2“ für den Namen des Virus bzw. „COVID-19“ für die eigentliche Erkrankung

1 Kommentar

  • Ellenberger, Gisela says:

    Wie ein spannender Krimi zu lesen…WAHNSINN!
    Zum Glück mit gutem Ausgang🙂
    ….ihr seid ein tolles Team und habt nie den Mut verloren💞👍🏻

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